#1: Häusliche Idylle in Pfeifenton

Jodocus Vredis, Pfeifentonaltar, um 1530 – Museum Lüneburg

[Originalpost vom 5.4.2019]

Gestern haben wir das erste Mal das Museum Lüneburg besucht. Neben zahlreichen Objekten von der Ur- und Früh- bis hin zur Zeitgeschichte bildet das Spätmittelalter als Lüneburgs Blütezeit einen besonderen Schwerpunkt.

Mein persönliches Highlight:
Ein westfälischer Pfeifentonaltar aus einem bürgerlichen Privathaus von Jodocus Vredis aus der Kartause Marienburg. Das besondere: der Einblick in den spätmittelalterlichen Wohnraum, der in seiner Dreidimensionalität und dem dargestellten Detailgrad eher selten ist. Zwar wird der Altar in die Zeit um 1530 datiert, zeigt aber noch klar spätgotische Formen (könnte evtl. sogar früher angesetzt werden?) und deswegen wollen wir ihn euch hier vorstellen:

Im Zentrum steht eine klassische Verkündigungsszene: Maria, der Erzengel Gabriel, der Wohnraum und das Lesepult, das im späten Mittelalter fester Bestandteil der Ikonographie ist. Obwohl die biblische Tradition nicht sagt, was Maria im Moment der Verkündigung tat, wird sie doch meistens lesend und betend dargestellt. Daneben finden sich ikonographisch festgeschriebene und höchst bedeutungsaufgeladene Elemente wie die Blumenvase im Vordergrund und der Gartenzaun des Hortus conclusus, des ‘beschlossenen Gartens’ – beides Motive, die auf die Jungfrau hinweisen und eher auf eine Bildtradition denn auf die tatsächliche Realität anspielen.

Doch abgesehen davon bietet der Künstler uns einen sehr lebendigen Eindruck vom bürgerlichen Wohnraum des späten Mittelalters: das Bet- und Lesepult, Bank und Hocker, die Kissen und gotischen Schränke, die Waschnische mit Kessel, Schale und Handtuch, der Kamin mit Blasebalg und Kaminbesteck, und Alltagsgegenstände wie das Pennale mit Tintenfass an der Wand oder der offene Beutel, der neben Maria auf dem Boden liegt.
Zu erkennen sind noch Reste einer farbigen Bemalung, wie sie an anderen ähnlichen Werkstücken Vredis’ noch erhalten ist. Die Wirkung des Altars und die Detailliertheit wird so ursprünglich noch sehr viel größer gewesen sein.
All dies gibt uns einen seltenen Einblick in den mittelalterlichen Wohnraum und damit in die zeitgenössische Lebenswelt. Und man kann sagen: es sah eigentlich sehr gemütlich aus.

Zeigt uns euer #Lieblingsobjekt und erzählt uns, was es so besonders macht!

/Mai-Britt

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