VorWeg #2: Die Ausstattung

Vergleicht man einen mittelalterlichen Pilger und einen modernen Pilger, so hat ihre Ausstattung auf den ersten Blick nichts gemeinsam. Legen wir heute bei längeren Outdoor-Touren Wert auf zuverlässige Funktionskleidung, so musste sich der mittelalterliche Pilger mit einfacheren Mitteln begnügen. Trotzdem erkennt man bei näherem Hinsehen erstaunlich viele Parallelen und Gemeinsamkeiten. Hier wollen wir euch gerne zeigen, welche Kleidung und Ausstattung wir mitnehmen auf unsere Wallfahrt nach Nikolausberg.

Das Pilgergepäck wird vor allem von der Reiseart bestimmt. Ein mittelalterlicher Fußpilger hat andere Bedürfnisse als einer zu Pferd oder zu Schiff. Geschlafen wurde nur in Ausnahmefällen unter freiem Himmel, sondern meistens in Herbergen oder den Pilgerhospitälern der Klöster. Gerade an vielbereisten Handels- und Pilgerwegen fand man davon ausreichend. Auch die Länge der Reise bestimmt das Gepäck. Pilgerte man über mehrere Monate, möglicherweise sogar über Saisongrenzen oder Klimazonen hinweg, so brauchte man mehr Kleidung. Die wurde aber nicht zwangsläufig komplett mitgeführt, sondern konnte im Zweifelsfall auch hinzuerworben oder ausgebessert werden. Bei einer Nahwallfahrt wie der unseren brauchte man das aber nicht.

Die Schriftquellen – Packlisten aus dem Mittelalter?

Konkrete Packlisten, die beschreiben, was die Pilger auf ihrem Weg mit dabeihatten, gibt es aus dem Mittelalter keine. Trotzdem gibt es einige erstaunlich ausführliche Hinweise wie aus diesem Lied von Santiagopilgern[1]:

Wer das elent bawen well
Der heb sich auf und sei mein g’sell
Wol auf sant Jacobs straßen.
Zwei par schuech bedarf er wol
Ein schüßel bei der flaschen.

Ein braiten huot den sol er han
Und on Mantel sol er nit gan
Mit Leder wol besezet.
Es schnei oder regn oder wähe der wint
Daß ihn die Luft nicht nezet.

Sack und stab ist auch darbei
Er luog, daß er gebeichtet sei,
Gebeichtet und gebüßet!
Kumt er in die welschen lant,
Er findt kein teutschen priester.

Der Liedtext hat nicht den Anspruch, eine gesamte Packliste zu liefern, ist aber dennoch recht ausführlich, vor allem, was die ‚Essentials‘ des mittelalterlichen Pilgers angeht: Schüssel und Flasche sind unabdingbar, wenn du unterwegs essen und trinken können willst. Tasche und Stab gehören zu den markantesten Ausstattungsgegenständen: Sie werden vor der Reise vom Priester übergeben[2] und werden bald zu den Erkennungszeichen der Pilgerschaft.

Interessant ist, dass das Lied zwei Paar Schuhe nennt: die Ledersohlen mittelalterlicher Schuhe laufen sich relativ schnell durch, sodass ein Pilger auf jeden Fall ein Ersatzpaar brauchte, auch für den Fall, dass eines nass würde. Trotzdem dürften für eine solch lange Strecke wie nach Santiago auch zwei Paar nicht gereicht haben, ohne zwischendurch geflickt oder ersetzt zu werden.

Außerdem nennt das Lied Hut und Mantel, widmet ihnen sogar eine ganze Strophe. Wichtig ist, dass diese wetterfest sind, der Mantel sogar am besten mit Leder besetzt. Auch das Mittelalter kannte also schon Funktionskleidung!

Diese Ausstattungsgegenstände haben sich nur selten erhalten, aber tatsächlich gibt es drei überlieferte Mäntel, die auch genau diese Anforderungen erfüllen:

Pilgermantel des Jakob VII. Trapp (um 1560, Wollfilz mit appliziertem Jerusalemkreuz, heute: Schloss Churburg): http://wwwg.uni-klu.ac.at/kultdoku/kataloge/51/html/3632.htm; Pilgermantel des Stephan III. Praun (1571, Schwarzer Übermantel aus Leder, heute: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg): http://objektkatalog.gnm.de/objekt/T551; Mantel eines Lourdes-Pilgers (um 1500, Leder): leider gibt es hier nur inoffizielle Abbildungen auf Pinterest, aber über Google werdet ihr fündig 😉

Während der erste und dritte Mantel tatsächlich die Zweckdienlichkeit unterstreichen – hier geht klar Funktion vor Pracht, wie beispielsweise die gestückelten Nähte beim ersten zeigen –, ist Prauns mit vielen Pilgerzeichen besetzte Pilgerkleidung vor allem Repräsentationsstück. Praun hat es vermutlich erst am Ziel seiner Reise in Spanien gekauft; dennoch entspricht die Form dem typischen Pilgermantel.

Was das Lied aber für sich behält, ist, was die Pilger abgesehen davon noch trugen: Was für Kleider trugen sie? Was führten sie in ihren Taschen mit sich?

Die Bildquellen – altmodischer Zwiebellook

Hierfür sind zeitgenössische Abbildungen unsere wichtigste Quelle. Was die Kleidung angeht, scheinen die Pilger ähnliche Kleidung getragen zu haben, wie im Alltag auch. Auffällig ist aber, dass viele Pilger auch im ausgehenden Mittelalter relativ altmodisch anmutende Kleider getragen zu haben scheinen wie man beispielsweise in dieser Darstellung eines Pilgerwunders von 1525 sehr gut erkennen kann.

Das muss nicht nur ein Zeichen von frommer Bescheidenheit sein, sondern hat auch einen ganz praktischen Zweck: Entgegen der figurbetont geschnittenen, oft stoffreichen und häufig mit aufwändiger Schnürung versehenen Kleider des 15. Jahrhunderts ist die Kleidung der Pilger weiter geschnitten. Sie war daher bequemer, gab mehr Bewegungsfreiheit, und konnte relativ schnell an- und ausgezogen werden. Gleichzeitig bot der weitere Schnitt eine zusätzliche Isolierschicht, die sowohl bei Hitze als auch bei Kälte hilfreich war. Gleiches gilt für das Schleiertuch der Frauen: Die Schleiermode aus Wimpel und aufgestecktem Schleiertuch war im ausgehenden Mittelalter eigentlich schon lange aus der Mode, bot aber bei Wind zusätzlichen Kälte- und bei Hitze besseren Sonnenschutz im Nacken.

Das Mittel der Wahl – und das ist es auch beim modernen Pilgern – war also der Zwiebellook. Die mittelalterliche Kleidung ist ohnehin aus mehreren Schichten, bestehend aus Unterwäsche, Unterkleid, Überkleid und gegebenenfalls Mantel, aufgebaut. Das hielten auch die Pilger so.

Darüber hinaus geben uns die Bildquellen aber auch wertvolle Hinweise über die Formenvielfalt bestimmter Ausstattungsgegenstände: beispielsweise die Hüte oder solche Pferdepacktaschen, die manche Pilger mit sich führten. Daneben trugen viele Pilger auch Devotionalien wie Heiligenbildchen (hierunter fallen auch die Pilgerzeichen) oder einen Rosenkranz bei sich.

Und sonst? – Der “Erfahrungsansatz”

Was sie sonst noch so mit sich führten, ist nur selten konkret überliefert. Hier hilft uns aber unsere moderne Pilgererfahrung, die – natürlich! – nicht einfach so auf die mittelalterlichen Verhältnisse übertragen werden kann, aber die zumindest Denkanstöße gibt, was womöglich vorstellbar gewesen wäre. Der limitierende Faktor ist hier, im mittelalterlichen wie im modernen Pilgern, ganz klar das Gepäck: Es bietet nicht unendlich Platz und je weniger Gewicht man auf den Schultern trägt, desto besser!

Während der moderne Pilger einen Pilgerpass mit sich führt, hatten mittelalterliche Pilger für gewöhnlich einen Pilgerbrief, ausgestellt vom Priester ihrer Heimatpfarrei, der sie als Pilger auswies und mit dem sie Zutritt zu Städten und Pilgerunterkünften hatten. Ein solcher ist auch für die Strecke von Hildesheim nach Nikolausberg belegt.

Zusätzlich werden wir häufig gefragt, wie die Pilger es denn mit dem Bargeld und mit der Unterwäsche bzw. Körperhygiene hielten. Zugegeben: Beide Fragen sind nur schwer zu beantworten, aber es gibt einige wahrscheinliche Überlegungen: Geld hatten die Pilger sicherlich nur wenig dabei. Mit zu viel Barvermögen lief man Gefahr, ausgeraubt zu werden. Allerdings brauchte man auch nicht so viel: Unterkünfte in Pilgerherbergen waren oft umsonst, Spenden an Pilger sind ebenfalls überliefert, und sollte man doch einmal Geld brauchen, so konnten gerade pilgernde Handwerker sich unterwegs auch immer etwas verdienen.

Die Frage nach der Unterwäsche ist noch schwerer zu beantworten, weil mittelalterliche Unterwäsche, gerade bei der Frau, ohnehin sehr schlecht belegt ist. Mehr als ein bis zwei Wechselsätze wird man aber vermutlich nicht mitgeführt haben (mehr hatten wir im 21. Jahrhundert auch nicht dabei). Welches Hygieneequipment die Pilger dabei hatten, ist ebenfalls nicht überliefert.

Und die Sicherheit? Pilger waren in der Regel unbewaffnet[3], dennoch hatten sie natürlich ein Essmesser dabei und ihren Stab, um sich im Notfall verteidigen zu können. Viele Abbildungen zeigen auch Dolche am Gürtel der männlichen Pilger.

Zusätzlich ist es durchaus wahrscheinlich, dass viele Pilger kleinere Notfallausstattungen wie Näh- und Flickzeug dabeihatten. Es nimmt nicht viel Platz weg und vereinfacht das Leben ungemein.

Letztendlich bleibt die Frage nach der Schlafausstattung und hier haben wir selbst lange überlegt, wie wir es am besten halten. Wie gesagt war das Schlafen unter freiem Himmel eigentlich nicht üblich. Die Herbergen funktionierten ähnlich wie auch die heutigen Pilgerherbergen: Es gab Schlafsäle oder Mehrbettzimmer, Bett und Matratze (oder Stroh) waren meistens vorhanden. Heute haben die meisten Pilger einen eigenen Schlafsack dabei. Da eine Wolldecke aber eindeutig das tragbare Gewicht sprengen würde und außerdem sehr voluminös und unhandlich ist, ist eher anzunehmen, dass die Pilger in, auf oder unter ihrer Kleidung geschlafen haben. Gerade die warmen Wollmäntel boten dafür beste Voraussetzungen. So halten es übrigens viele Handwerker auf der Walz noch heute.

Viele dieser Ausstattungsgegenstände beruhen also nur auf unseren modernen Erfahrungen und den daraus resultierenden Überlegungen. Die Pilgerreise selbst durchzuführen, wird uns sicherlich helfen, diese Überlegungen noch einmal zu überdenken und vielleicht sogar neue Erfahrungswerte zu bekommen. Was letztendlich aber bleibt, ist ihr spekulativer Wert: Wir werden nie sicher wissen, ob der mittelalterliche Pilger sie tatsächlich mit sich geführt hat, auf sie angewiesen war, oder vielleicht ganz andere Dinge sehr viel eher brauchte, ohne dass sie jemals in den Quellen überliefert wurden.

Damals und Heute – Der Vergleich

Hier zeigen wir euch eine direkte Gegenüberstellung des Gepäcks für die mittelalterliche Pilgerreise 2020 und die moderne nach Santiago de Compostela von 2015, beispielhaft an Annekes und Mai-Britts Ausstattung. Ihr seht, viele Ausstattungsgegenstände sind erstaunlich ähnlich:

Anneke: Hildesheim – Nikolausberg 2020 (3-4 Tage, 100km)Mai-Britt: Santiago de Compostela 2015 (2,5 Wochen, 400km)
PilgerstabTrekkingstöcke
Pilgertasche (Leinen)Wanderrucksack (36 Liter)
Schuhe (2x)Wanderstiefel, Flipflops
Hut, Schleier/WimpelMultifunktionstuch (2x)
MantelWind-/Regenjacke
ÜberkleidFleecejacke
OberkleidLangarmshirt (1x), T-Shirts (2x), Zip-Off-Wanderhose (1x)
Unterkleid (2x), Strümpfe (2x) mit StrumpfbändernBHs (2x), Unterhosen (3x), Wandersocken (3x)
HandtuchMicrofaserhandtuch (2x)
Essgeschirr: Schüssel, Löffel, Messer, PilgerflascheEssgeschirr: Outdoorbecher, Outdoortasse, Feldbesteck, zwei Wasserflaschen
Notfallausrüstung: Nähzeug, SchnurNotfallausrüstung: Nähzeug, Schnur
Devotionalien: Rosenkranz 
Ausweisdokumente: Pilgerbrief, PersonalausweisAusweisdokumente: Pilgerausweis, Reisepass, Personalausweis
Kosmetik: Seife, Kamm, Zahnbürste/ZahnpastaKosmetik: Deo, Shampoo, Zahnbürste/Zahnpasta, Bürste
Safety: Erste-Hilfe-Set, Blasenpflaster, Notfallapotheke, AlltagsmaskeSafety: Erste-Hilfe-Set, Blasenpflaster, Notfallapotheke, Impfpass
Technik: Smartphone, Powerbank, Netzteil, GorillaPodTechnik: E-Book-Reader, Smartphone, Powerbank, Netzteil, Kopfhörer
Geld: EC-KarteGeld: EC-Karte, Bargeld
TaschentücherTaschentücher
NotfalltaschenlampeNotfalltaschenlampe
 Schlaf-/Freizeitkleidung (1x Hose, 1x Shirt)
 Schlafsachen: Schlafsack, Isomatte
 Ultraleichter Tagesrucksack
Zu tragendes Gewicht (exkl. Wasser/Proviant)
Ca. 2,5kgCa. 8kg

*Um einige moderne Ausstattungsgegenstände wie Kosmetik für ein Mindestmaß von Körperhygiene, ein Erste-Hilfe-Set oder die Technik, damit wir während der Reise für euch berichten können, kommen wir nicht drumherum. Sie sind hier in kursiv gekennzeichnet.

Nachträglicher Kommentar:
Kurz vor der Reise haben wir noch einige wetterbedingte Anpassungen an unserer Ausstattung und Kleidung vorgenommen. Weil es ein sehr warmes Augustwochenende war, waren wir beide nur in zwei Kleidungsschichten unterwegs, hatten die dritte aber dabei. Diese fungierte auch als Wechselsatz, sollte ein Satz Kleidung aus irgendwelchen Gründen vollkommen untragbar werden. Diese Kleidung trugen wir, in unsere Mäntel gewickelt, als längliches Bündel auf dem Rücken. Da wir wirklich Glück mit dem Wetter hatten – zwar warm, aber durchgehend trocken -, kamen Mantel und Wechselkleidung aber gar nicht zum Einsatz. Den Test hiervon müssen wir also vertagen.
Wegen des zusätzlichen Bündels stellte nun aber die Gepäckverteilung ein Problem dar. Hier mussten wir verschiedene Varianten ausprobieren, die wir euch hier [Link] vorstellen. Die Test zu Schuhen und einen Bericht zu den Einsatzmöglichkeiten des Pilgerstabs hier [Link] und hier [Link].



[1] Wohl auf Sankt Jakobs Straßen. Hymnen, Gebete, Lieder und Reim-Gedichte der Jakobuspilgerschaft, hg. v. Fränkische St. Jakobus-Gesellschaft e.V., Würzburg 2008, S. 25-28.

[2] Aus dem Codex Calixtinus (12. Jh.), Buch 1: Predigt Veneranda dies, vgl.Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert, hg. v. Klaus Herbers, Stuttgart 2008, S. 21-25.

[3] Wolfgang Petke, Die Wallfahrt auf den Nikolausberg bei Göttingen, in: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 114 (2016), S. 101-134, S. 111.

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