Those boots are made for walking – mit Wendeschuhen auf Langstrecke

Häufig werden wir gefragt, ob diese Mittelalterschuhe, die wir in unserer Darstellung tragen, nicht unbequem wären, ob man damit nicht ständig Blasen bekäme oder ob die überhaupt eine längere Benutzung aushalten würden. Hin und wieder werden wir sogar gefragt, wie man damit überhaupt gehen solle, da sie ja keine Dämpfung haben, und ob das fehlende Fußbett nicht ungesund wäre. Das sind alles äußerst wichtige Fragen, die wir bisher nur bedingt beantworten konnten, da eine Wochenendveranstaltung am Museum, eine Belebung oder auch eine halbtägige Wanderung die Erfahrungen nur eingeschränkt vermitteln.
Auf einige dieser Punkte können wir jetzt besser antworten, denn unsere Pilgerreise wurde nicht nur wissenschaftlich unterstützt, bspw. in Form der Interviews (Reliquien, Weg, Wallfahrt), sondern auch in Form von Ausrüstung. Genauer gesagt: Stefan Schneidewind von “Maßwerk – Historische Schuhe” stellte für uns jeweils ein Paar Schuhe her, die wir auf der Wanderung auf Herz und Nieren testen durften.

Daher möchten wir euch hier jetzt zumindest folgende Fragen beantworten:
1. Was trug ein Pilger eigentlich an den Füßen?
2. Was trugen wir auf unserer Reise?
3. Wie haben wir uns und unsere Schuhe vorbereitet?
4. Auf was für Böden bewegten wir uns?
5. Wie bewegten wir uns?
6. Wie war die Abnutzung und die generelle Lauferfahrung?

Was braucht der Pilger eigentlich an den Füßen?

St. Jakobus, mit den typischen
Pilgerinsignien, aber ohne Schuhe. Aus dem Stundenbuch des William Porter, um 1420

Schaut man auf die Abbildungen von Pilgern, stößt man direkt auf ein Problem:
Zahlreiche Darstellungen von Pilgern zeigen diese in vollkommen verschlissenen Schuhen, die mehr Fuß als Leder zeigen, oder laufen gar barfuß. Das heißt dennoch nicht, dass Pilger mit minderwertigen Schuhen oder ohne Schuhe auf den Weg gingen, sondern begründet sich darin, dass häufig heilige Pilger gezeigt werden (die dann barfuß dargestellt werden) oder wirklich ganz arme, bedürftige Pilger (die kaum noch Schuh an den Füßen haben und neue brauchen).

Wie man sieht, sind die abgebildeten Schuhe gerne mal sehr abgenutzt. Aber gleichzeitig erkennt man, dass es hohe Schuhe sind. “Le Livre des faiz monseigneur saint Loys”, um 1450

Und genau dies ist ein gutes Stichwort: neue Schuhe! Wir haben heute viele schriftliche Quellen überliefert, dass bspw. Bürger durchreisenden Pilgern neue Schuhe finanzierten, als eine Art gute Gabe. Und auch das Lied “Wer daz elend bauen wil” nennt ausdrücklich, dass man zwei paar Schuhe mit auf den Weg nehmen soll. Also Schuhe, und zwar inktakte, sind definitiv für einen Pilger notwendig.
Und wie man als Moderni aus eigener Wandererfahrung vermutet, überwiegen in den Darstellungen die Schuhmodelle, die über die Knöchel gehen. Man sieht zwar vereinzelt höhere Stiefel bis zum Knie oder nur kurze Halbschuhe, aber bis kurz über den Knöchel, sieht man am häufigsten.

© Stefan Schneidewind

Infolgedessen war die Wahl schnell getroffen: Philipp suchte sich die halbhohen Stiefel nach Fund aus Konstanz aus (Link) und Mai-Britt entschied sich für das Modell aus Dordrecht, ebenfalls halbhohe Stiefel (Link). Stefan fertigte sie uns beide jeweils mit Keder (das ist ein umlaufendes Lederstück zwischen Oberleder und Sohle, das zum einen noch bisschen abdichtet, das sich nach unten biegende Oberleder bei Bodenkontakt schützt und an das man eine zusätzliche Sohle anbringen kann), damit wir – auch wenn wir sie auf der Wanderung zerstören sollten – auch eine gute Chance haben, sie retten zu können und nach der Wanderung auch noch was von ihnen zu haben. Wir entschieden uns aber gegen eine von Vorherein aufgedoppelte Sohle; es blieb bei der einfachen Sohle von 6mm Stärke. Wir nahmen also bei uns gegenseitig Maß, schickten es an Stefan und die Vorfreude begann.

Wir haben beide beim Abmessen bereits eingeplant, wie wir die Schuhe tragen wollen. Philipp zog die mittelalterliche Hose an, die er auch beim Wandern tragen würde, damit die Stoffdicke mit eingeplant ist, und Mai-Britt vermaß ihre Füße mit Socken und ihren modernen Einlagen, damit die auch Platz im Schuh haben werden. Das Oberleder wurde sogar – man sieht es auf dem oberen Bild beim Schuh oben rechts sehr gut – wie bei mehreren historischen Vorbildern gestückelt!

Die Vorbereitung – die ersten Schritte

Philipps erste Probewanderung. 1. Die Sohle nach den ersten 50m, 2. und 3. Beispiele des Wegs, 4. Die Sohle nach ca. 4km. Der Boden war ziemlich trocken.
Mai-Britts erste Probewanderung, ca 5-6km. Wie man sieht, war der Boden auf dieser Tour etwas feuchter.

Wie für jedes neue Paar Schuhe, besonders Wanderschuhe, nahmen wir uns die Zeit, sie passend vorzubereiten und wenig einzulaufen. Wir ölten die Sohlen, trugen Wachs auf und polierten es ins Leder und suchten uns Routen mit passenden Wegen und los ging es. Jede/r von uns lief für sich ca. 10km mit den Schuhen und im Anschluss trafen wir uns für eine Generalprobe mit der gesamten Ausrüstung und gingen noch mal um die 5km zusammen durch den Wald über bequemen Feldweg und Waldboden. Es lief hervorragend. Alle Nähte hielten, die Schuhe wurden noch bequemer und die Motivation stieg. Und man sah nun auch endlich, dass die Schuhe nicht frisch aus dem Regal stammen, sondern auch benutzt werden. Philipp entschied sich nach den Probewanderungen aber dafür, seine Schuhe etwas anders zu schnüren, da ihm ein etwas engerer Schaft doch lieber ist vom Gefühl her. (Also daher bei den Photos nicht zu sehr wundern.)

Die Route

Wie schon in unserem Blogbeitrag über die Wegführung beschrieben, suchten wir uns den Weg danach aus, dass wir viel weichen Boden und wenig Asphalt und Schotter hatten. Bergetappen wichen wir auch nach Möglichkeit aus. Unter insgesamt 11km Asphalt und 11km Kies konnten wir die Planung jedoch nicht bringen.

Der ursprüngliche Plan, der dann “on the fly” ein paar Anpassungen bekam, bspw die Bergetappe von Tag 2 wurde abgeschwächt, indem wir einen Alternativweg an der Seite des Berges nahmen.

Los geht’s!

Die Wanderung ging also los. Als Ersatz für den Notfall hatten wir jeder ein paar andere Mittelalterschuhe dabei, die wir schon stark eingelaufen hatten und etliche Kilometer Erfahrungin ihnen. Einerseits schrieb uns unsere Packliste das vor, und andererseits: “man weiß ja nie”.

Wie unsere Wege genau verliefen an den drei Tagen und auch einen bildlichen Eindruck findet ihr in den einzelnen Blogeinträgen zu den Tagesetappen Hildesheim-Lamspringe, Lamspringe-Wiebrechtshausen und Wiebrechtshausen-Nikolausberg und als kleine Galerie beim Experteninterview zur Mobilität im Mittelalter.


Und nun zu dem, was euch wahrscheinlich am meisten interessiert: die verschiedenen Untergründe und unsere Erfahrungen damit:

  • Asphalt
    • Auf Asphalt, dem mit Abstand modernsten Untergrund, den wir antrafen, kam man zwar sehr effizient voran, aber mit deutlichen Einbußen. Er ist auch der härteste Boden, und jede Dämpfung muss über das Abrollen stattfinden. Tut man das nicht, spürt man das sehr schnell. Zudem spürt man jeden Kiesel, der auf diesem perfekten Untergrund liegt. Bisweilen kann Asphalt in Kombination mit Ledersohlen auch sehr glatt sein, und besonders bei Steigungen eine Gefahr darstellen. Bergauf ist das noch halbwegs ok, aber sobald man bergab bei jedem Schritt bremsen muss, ist ein Ausrutscher gefährlich. Manchmal ist es wie auf Eis.
      Hat der Schuh aber ausreichend Grip, bremst die Sohle bei jedem Schritt auf dem Punkt, was zu einer starken Bewegung des Fußes im Schuh führt. Blasengefahr! Jedes Gleiten der Sohle über den Boden ist zudem wie Schleifpapier und nutzt ab.
  • Betonplatte
    • Einige der Wirtschaftswege waren mit Betonplatten ausgelegt. Sie verhalten sich ähnlich wie Asphalt, aber sind rauer. Man rutscht nicht aus, aber der Schleifeffekt ist gefühlt höher.

Auf der Zielgeraden hatten wir Begleiter. Sie hatten modernes Schuhwerk und “frische Füße”, aber dennoch merkte man keinen großen Geschwindigkeitsunterschied.
  • Kies/Schotter
    • Was man heute mit am häufigsten antrifft außerhalb von Ortschaften sind Wege aus Kies oder Schotter. Sie sind im modernen Kontext schnell und einfach hergestellt, sind stabil und wasserdurchlässig. Ist man aber auf dünnen Ledersohlen unterwegs, spürt man schnell jeden einzelnen Stein. Mit der Zeit sorgt diese punktuelle Belastung auch schneller für eine Überreizung der Fußunterseite. Sie haben aber den Vorteil, dass der Untergrund ein bisschen beweglich ist, was die Bremsung bei jedem Schritt vom Gefühl her für den Schuh etwas weniger schleifend gestaltet, wenn gleichzeitig aber auch die Kanten für das Leder weniger schonend sind.
  • Pflaster
    • Altstädte und Bürgersteige sind heute oft gepflastert. Die üblichen Pflastersteine von Bürgersteigen verhalten sich ähnlich wie die Betonplatten, während die runden und glatten Pflastersteine der Altstädte viel freundlicher sind zu den Füßen. Zwar können sie glatt sein, aber die unregelmäßige Form ist, im Vergleich zu den vorgenannten Arten, Balsam für die Sohle, sowoh Schuh- als auch Fuß-! Bedingt durch die Form geht man viel vorsichtiger, passt besser auf den Tritt auf, rollt bewusster ab. Man sucht sich fast intuitiv die Steine und Winkel, die bequem sind. Man ist dadurch jedoch wieder langsamer.
Auch durch diesen Matsch mussten wir, aber die Schuhe blieben dicht!

  • Erdboden und Grasnarbe
    • Die angenehmsten Böden waren aber die naturbelassenen Untergründe: leicht verdichteter Erdboden, die Grasnarbe der Wiese oder des Wegrands, oder auch der leicht beblätterte Waldboden. Sie sind relativ weich und dämpfen beim Gehen mit, sie zeigen keinen größeren Abrieb an der Sohle, und je nach Feuchtigkeit passt sich der Boden sogar dem Fuß noch weiter an, manchmal kühlt es sogar bisschen durch die Sohle. Man ist zwar langsamer unterwegs, aber es schont Schuh, Fuß und Gelenke.
      Je nach Erdboden und Verdichtung muss man aber aufpassen, dass man nicht auf vereinzelte Steine tritt, da diese doch dann sehr weh tun können.

Exkurs: Laufen in Wendeschuhen

Wendeschuhe sind schon definitiv etwas besonderes. Die Schuhe sind unheimlich flexibel – immerhin bestehen sie nur aus dünnem Leder oben und etwas dickerem Leder unten, und sie haben keine Versteifungen oder krasse Formpressung wie moderne Schuhe. Die markantesten Unterschiede sind aber die fehlende Dämpfung und der fehlende Absatz. Das erfordert ein anderes Gehen, man muss sich dem Schuh anpassen.
[Wichtig! Im Folgenden wird ein Erfahrungswert berichtet. Wir sind keine Mediziner, keine Orthopäden oder sonstwelche Fachleute für das Thema Schuhe/Gehen. Für gesundheitliche Schäden übernehmen wir keine Haftung. Was im Folgenden Abschnitt steht, funktioniert für uns, heißt aber nicht, dass es für jeden so ist, und auch nicht, dass es die gesündeste Methode ist.]
Immer wieder liest man von einem inteniven Ballengang, der in mittelalterlichen Schuhwerk zwingend notwendig wäre. Manche sagen, dass man sogar bei jedem Schritt erst mit dem Ballen “tasten” würde, um dann erst danach mit der Ferse aufzusetzen. Durch unsere mehrtägige Wanderung versprach ich, Philipp, mir neben vielen anderen Sachen, in diese Debatte einen besseren Einblick zu bekommen.
Zu meinen Füßen: als Kind hatte ich Einlagen wegen Plattfüßen, aber seitdem sind meine Füße ziemlich unproblematisch. Ich habe keine Probleme, sie sehen für mein Laienauge gut aus, aber vielleicht findet ein Experte trotzdem 1-2 Dinge, die nicht aus dem Lehrbuch sind. Seit bestimmt 15 Jahren trage ich auch regelmäßig die allseits beliebten Chucks, also Schuhe ohne stark ausgeprägtes Fußbett und ohne Absatz, aber mit weichem, dämpfenden Innenleben. Ich habe mehrere Varianten zu gehen ausprobiert auf dem Weg, und ich muss sagen, dass der Fersengang auf ebener Strecke durchgängig der bequemste und effektivste Gang war. Der größte Unterschied zum “normalen Alltag” war, dass ich zum einen etwas stärker abgerollt habe, und – gegen Ende der Etappen, wenn die Füße schmerzten – ich relativ plattfüßig auftrat, anstatt ordentlich abzurollen. Bei Strecken bergauf ändert sich das natürlich je nach Steigung immer weiter zum Ballengang, aber das ist auch in modernem Schuhwerk so. Ein “Problem” stellten Etappen dar, die bergab gingen. Ohne ein etwas besser den Fuß im Schuh fixierendes Fußbett ist die Gefahr des Rutschens im Schuh größer – so jedenfalls mein Gefühl – und ich glaube, dass auch genau daher meine Blasen kamen. Bergab geht man sehr stark auf den Ballen. Hier war der Pilgerstab eine sinnvolle Ergänzung, weil man sich mit ihm nach vorne abstützen kann und die Gewichtsbelastung damit abfängt, weniger im Schuh rutscht und den Ballen weniger belastet. Zum Pilgerstab und seinen Einsatzmöglichkeiten gibt es demnächst einen gesonderten Artikel, in dem alles gebündelt zu finden sein wird.
Auf einer kurzen Strecke probierte ich auch schnelleres Laufen aus. Hier war der größte Unterschied. Während moderne Joggingschuhe noch bis zu einer recht hohen Geschwindigkeit den Schock an der Ferse ausreichend abdämpfen und man lange beim abrollenden Fersengang bleiben kann, ist das bei Wendeschuhen unmöglich und man muss viel früher dazu übergehen, nur auf den Ballen zu laufen. Man verwendet also früh den federnden Lauf, den man u.a. von Sprintern kennt, bei denen man nur mit Ballen und Zehen aufkommt. Wenn man das bedenkt und darauf achtet, nicht auf einzelne spitze Steine zu treten, ist hier auch gut was möglich. Einen vergleichenden Test werde ich vielleicht auch noch mal machen.
Aber alles in allem eine Einschränkung oder eine starke Anpassung des Gehens habe ich nicht bemerkt oder für notwendig empfunden. Auf modernen Untergründen sind Wendeschuhe bisweilen unbequem, aber auf natürlichem Boden sind sie mit die bequemsten Schuhe, die ich kenne – vielleicht weil sie nur eine dünne Schutzschicht unter dem Fuß sind und kein groß spürbarer Schuh. Sie hatten auch keinen zu großen Einfluss auf meine Kondition. Meine Füße waren insgesamt nur von den durchschnittlich 45.000 Schritt entsprechend belastet. Das einzige Problem stellten die Blasen dar. Bei der ganzen Thematik bin ich offen für einen Austausch und würde mich sogar darüber freuen!

Unsere Erfahrung und die Abnutzung

Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh’ 😉
Mai-Britt während der Pause unserer gemeinsamen Probewanderung mit der kompletten Ausstattung.

So viel der Worte über den Weg, die Böden, die Schmerzen und auch die Theorie des Laufens. Dann wird es jetzt auch Zeit, mehr zu den Schuhen zu sagen.
Wie gesagt handelt es sich bei unseren Schuhen, die wir die gesamte Strecke trugen, um wendegenähte Schuhe. Sie bestehen (so fern ich es richtig messe) aus 2mm Oberleder und 6mm Sohlenleder und sind auf Maß gefertigt. Die Sohle ist etwas dicker als von den Mittelalterschuhen, die ich sonst bisher in der Hand hatte, aber trotzdem nicht “klobiger” oder unflexibler/unbequemer. Besonders auf einer Wanderung gibt einem das sogar noch etwas mehr Sicherheit, zumindest im Mindset. Wie viele Kilometer man damit mehr schafft, können wir bisher nicht sagen, da sie noch 1A in Schuss sind. Auch der Keder hat sogar eine weitere Funktion unter Beweis gestellt: Tritt man mit der Ferse auf, kommen nur Sohle und Keder auf den Boden auf, nicht das Oberleder. Rollt man mit den Zehen ab, rollt man über Sohle und Keder. Das Oberleder wird vor Abrieb geschützt.

“gerade war der Weg noch da… wo kommt der Bach her?”

Vor der Wanderung haben wir die Sohlen ausgiebig geölt und das Oberleder gründlich gewachst, besonders an den Nähten. Wir wussten nicht, wie das Wetter werden wird und wie die Strecke beschaffen sein wird. Und das war gut so, denn wir hatten zwar keinen Regen, aber manche Böden waren relativ schlammig. Die Schuhe hielten aber dicht. Ein wirklicher Belastungstest für Feuchtigkeit war das aber trotzdem nicht, da es sich auf “sehr weicher Boden, in dem man spürbar einsinkt” begrenzte. Vielleicht kommt das aber ja bei einer der nächsten Gewandwanderungen von Scotelingo. Bei den Wanderungen hat es bisher hin und wieder geregnet. Es bleibt also spannend!

1. Auf der Probewanderung; 2. nach 100km; 3. nach 100km und Putzen und Pflegen

Wie haben sich die Schuhe nach den 100km so verändert? Wie man auf dem Bild rechts sieht, hat sich eigentlich nicht viel getan. Die farbliche Abweichung beruht hauptsächlich auf dem unterschiedlichen Licht, aber sie haben durch die Feuchtigkeit vom Boden und Schweiß und das jetzt mehrfache Wachsen ein wenig nachgedunkelt, so jedefalls mein persönliches Gefühl. Sie sind weicher geworden und dadurch auch bequemer. Sie sind, wenn man es überspitzt beschreiben will, jetzt eingelaufen und bereit für mehr.

links direkt nach der Wanderung und nur den Dreck abgeklopft, rechts gereinigt und ganz frisch geölt

Die größte Entwicklung hat die Sohle mitgemacht. Entgegen der Vermutung und dem Klischee aber nicht im Sinn von “abgenutzt” und “kaputt”, sondern vielmehr in er Formgebung. Die Sohle – zumindest bei Philipp – hat sich sehr stark an die Fußform angepasst. War sie vorher noch recht gerade, ist sie jetzt in alle Richtungen gebogen. An der Ferse und an den Zehen geht das Leder jetzt leicht nach oben, genau so auch an den Seiten. Am auffälligsten ist die Biegung der Sohle entlang des Längsgewölbes. Während das Leder die deutlichste Abnutzung an der Ferse, am Ballen und an der großen Zehe hat, ist der Außenspann kaum abgenutzt und am Innenspann ist das Leder sogar so gut wie unberührt. Wer regelmäßig auf Stefans Facebookseite vorbeischaut, sieht hin und wieder Photos von Originalsohlen, die eine ähnliche Schwerpunktsetzung in der Abnutzung aufweisen.

Und so sehen Philipps Schuhe jetzt aus, nachdem das Sohlenöl auch komplett eingezogen und getrocknet ist. Man erkennt sogar ein bisschen die geringere Belastung der Sohle zwischen Zehen und Ballen. Da man stellenweise noch die Poren der Haut erkennen kann – zumindest bilde ich es mir ein – würde ich behaupten, dass die Abnutzung sehr gering war, trotz geschätzt 30km Asphalt und 10km Schotter auf unserer 100km Tour. Da die Kanten sich nach oben gebogen haben entlang der Fußform, kann ich leider nicht zuverlässig mit dem mir zur Verfügung stehenden Werkzeug die verbleibende Lederdicke messen. Da aber nicht nur Abrieb, sondern auch Verdichtung auftreten dürfte, wäre der Wert auch nicht repräsentativ zur Abnutzung. Ich persönlich hatte dennoch eigentlich mit stärkerer Abnutzung gerechnet.

Die Abnutzung der Sohlenunterseite ist viel gleichmäßiger, und es gibt auch keine Biegung der Sohle entlang des Längsgewölbes.

Doch wieso wird die ganze Zeit betont, dass es sich um Philipps Schuhe handelt?
Aus einem ganz einfachen Grund: Wir haben zwar beide mit fast den gleichen mittelalterlichen Schuhen die selbe Strecke zurückgelegt, aber an Mai-Britts Schuhen sind die Abnutzungsspuren etwas anders, da sie moderne Einlagen in ihren Schuhen trug. Das war, da die Schuhe beim Maßnehmen schon so konzipiert wurden, kein Problem. Dies führt jedoch dazu, dass es eine Struktur im Schuh gibt, die wie ein Fußbett wirkt und die Beanspruchung der Sohle beeinflusst. Es ist weiterhin ein Belastungstest für Material und Verarbeitung, jedoch ein wenig anders und – so unsere Einschätzung – individueller auf den Schuh- und Einlagennutzer. Eine weiterer Unterschied zwischen Wendeschuhen mit und ohne Einlagen ist die Dämpfung, da die Einlage hier ebenfalls einen Einfluss hat. Da die Einlage auch an der Ferse etwas um diese herum nach oben geht, konnte Mai-Britt ein bisschen besser abrollen als Philipp. Der Fuß wird von der Einlage in eine Form gedrückt, die nicht der eigentlich natürlichen Form entspricht, und diese Belastung aus Kombination “Barfußschuh” und Einlage führte bei Mai-Britt irgendwann zu Schmerzen.

Bis unsere Pilgerschuhe aussehen wie auf den Altarbildern, werden wir noch etliche Kilometer mit ihnen zurücklegen können. Zumindest längere Strecken werden wir wahrscheinlich weiterhin notieren, damit wir eine in-etwa Zahl haben, sobald die Schuhe eines Tages zur Reparatur müssen. Das wird aber noch dauern…

Das Gepäck des Pilgers

Eine Frage, die uns vor und während unserer Reise sehr beschäftigt hat, war, wie der mittelalterliche Pilger denn eigentlich sein Gepäck transportierte. Gar keine schlechte Frage, denn schließlich hatten wir die ganzen Sachen 100km zu tragen, und da hat man es gerne möglichst leicht, bequem und praktikabel.

Was ein mittelalterlicher Pilger an Ausstattung dabei hatte und was wir auf unsere Reise mitgenommen haben, haben wir euch bereits in VorWeg#2 berichtet. Nun halten sich die Quellen leider sehr bedeckt dazu, was ein Pilger im Einzelnen auf seine Reise mitnehmen sollte: Hut, Mantel, Stab, Tasche, Essgeschirr und ein zweites Paar Schuhe werden explizit genannt, sie sind also unabdingbar.[1] Aber wo ließ man alle diese Sachen? Sicher, vieles trägt man am Körper, einiges in der Tasche – aber was macht man mit dem zweiten Paar Schuhe? Wo lässt man das Essgeschirr? Wohin mit dem Mantel, wenn es warm ist? Und für uns noch viel wichtiger: Was passiert mit dem ganzen weiteren Kleinkram, der in den Quellen nicht genannt wird, den wir (und vieles davon auch der mittelalterliche Mensch) aber trotzdem mitnehmen müssen?

Zugegeben: Die eine Antwort gibt es nicht. Aber wir haben verschiedene Möglichkeiten und Varianten auf unserer Reise für euch ausgetestet. Die wollen wir euch in diesem Blogpost gerne vorstellen. Und natürlich diskutieren wir auch für euch, was die Quellen dazu sagen und wie praktikabel diese Lösungen tatsächlich sind.

1) Tasche
Die ausführlichste Beschreibung der Pilgertasche findet sich im Codex Calixtinus, einer Handschrift über die Jakobspilgerschaft, aus dem 12. Jahrhundert.[2] Dort heißt es, die Tasche solle aus Tierhaut sein, denn das versinnbildlicht die Abtötung des eigenen Fleisches (im übertragenen Sinne!), mit enger Öffnung, sodass nur ein kleiner Vorrat an Proviant hineinpasst, aber nicht zugebunden, um immer freigiebig zu sein. Ihr seht, die Tasche selbst soll Symbol der beschwerlichen und von Verzicht geprägten Reise sein.

Es gibt verschiedene regionale Bezeichnungen der Pilgertasche, die pera, die sporta, die scarsella oder isquirpa oder den Wallsack, auch die Bildquellen vermitteln unterschiedliche Formen. Oben schmal zulaufende, etwas trapezförmige Beutel, wie im Codex Calixtinus beschrieben, aber auch eher rechteckige oder halbmondförmige Taschen, sowohl aus Leder als auch aus Textil sind belegt (während es ursprünglich geflochtene Binsen waren, ist später eher Leinen denkbar).

Wir hatten zwei verschiedene Taschenformen dabei: eine Leinentasche mit trapezförmigen Schnitt und eine runde Ledertasche. Auch wir haben darin hauptsächlich den Proviant transportiert, aber auch unser Erste-Hilfe-Kit und die Technik, die wir brauchten, um für euch unsere Reise zu dokumentieren. Mai-Britt hatte auch ihr zweites Paar Schuhe in der Tasche.

Wenn die Tasche auf der Schulter zu schwer wird, und das passiert bei der einseitigen Belastung recht schnell, kann es helfen, den Schulterriemen mit unter den Gürtel zu legen. Die Schulter wird so etwas entlastet und ein Teil des Gewichts auf die Taille gelegt. Zu weiteren Tragevarianten siehe unten.

Fazit: Die Tasche ist eines der zentralen Pilger-Items schlechthin und kann vielfältige Formen aufweisen. Sie bietet viel Platz, alles kriegt man hierin aber definitiv nicht unter.

2) Gürtel
Eine weitere Möglichkeit ist, einen Teil des Gepäcks auf den Gürtel zu verlegen. Gürtel waren, anders als heute, im Mittelalter nicht dazu da, die Hose an Ort und Stelle zu halten, sondern um die Kleidung zu raffen und um, in Ermangelung von Hosentaschen, Taschen, Beutel und manchmal auch weitere Gegenstände daran zu befestigen.

So hielten es auch die Pilger wie man beispielsweise in dieser Abbildung gut erkennen kann. Genau wie sie haben auch wir unser Essgeschirr und Besteck am Gürtel befestigt. Philipp trug neben seiner Gürteltasche auch noch seine Flasche und ein Lederetui für unsere Visitenkarten, und Mai-Britt ein kleines Nadeletui mit Nähzeug für den Notfall. Außerdem hatten wir beide unsere Rosenkränze am Gürtel: Die werden auf den Darstellungen zwar oft abgebildet, meistens aber in der Hand der Pilger. Da das auf Dauer doch etwas un”hand”lich war, haben wir sie an den Gürtel gehängt – das kann aber auch schnell mal zu Verlusten führen, wie Philipp leider selbst feststellen musste.

Fazit: Die Gürtelvariante eignet sich vor allem für kleine leichte Gegenstände mit Aufhängung, die man schnell griffbereit haben möchte.

3) Kleidungsrolle

Ein Problem, bei dem wir selbst lange gerätselt haben, wie wir am besten damit umgehen, ist die Ersatzkleidung, denn dieses Problem wird in den Quellen nicht dokumentiert. Abgesehen von dem zweiten Paar Schuhe wird Ersatzkleidung dort überhaupt gar nicht erwähnt, ist in unseren Augen aber gerade für längere Reisen anzunehmen: Möglicherweise spricht da unser modernes Hygieneempfinden aus uns, sind wir es doch gewohnt, regelmäßig frische Kleidung und Unterwäsche anzuziehen. Aber auch für den mittelalterlichen Pilger – der übrigens auch durchaus ein Hygieneempfinden hatte! – ist Ersatzkleidung in jedem Falle sinnvoll: Sei es, falls er plötzlich von einem Unwetter überrascht und bis auf die Haut durchnässt wird oder damit er sich zwischendurch an- und abzu“zwiebeln“ kann, um sich dadurch an das aktuelle Wetter anzupassen. Für unsere dreitägige Reise hatten wir zwar einen Wechselsatz dabei, hätten ihn aber eigentlich nicht gebraucht. Doch war unser Wetter so warm, dass wir in unseren Mänteln eingegangen wären, und auch die wollten irgendwo untergebracht werden.

Da es hier an Quellen mangelt, haben wir auf einen modernen Bereich zurückgegriffen, der dem traditionellen Pilgern gar nicht so fern ist, nämlich fahrende Handwerker (man vergleiche „Wallfahrt“ und „Walz“). Auch die reisen mit äußerst geringem Gepäck und sehr begrenzter Wechselkleidung, die sie in einem kleinen Gepäckbündel namens „Charlie“ oder „Charlottenburger“ unterbringen. Der Name leitet sich ab von dem Tuch, das benutzt wird, um die Habseligkeiten darin einzuwickeln. Wir hingegen haben einfach unsere Mäntel verwendet. Alle anderen Kleidungsstücke darauf gelegt und in eine feste Wurst gerollt, waren die Klamotten sicher verpackt und gut durch den Mantelstoff geschützt. Diese Rolle wurde mit zwei Lederriemen oder Bändern verschnürt und ein weiterer Riemen als Tragegurt hindurchgezogen.

Wir brauchten ein bisschen, um die optimale Tragevariante für uns herauszufinden. Am ersten Tag trugen wir das Bündel noch schräg über den Rücken gehängt, das hat sich aber, wiederum wegen der einseitigen Belastung, als sehr unangenehm erwiesen. Sehr viel komfortabler war die Variante, das Bündel entweder waagerecht auf Schulterhöhe zu tragen oder es sich von hinten auf die Hüften zu binden. Gerade letzteres ist eigentlich sehr angenehm, weil die Rolle leicht auf dem Gesäß aufliegt und dadurch zusätzlich gestützt wird.

Fazit: Wenn auch nicht belegt, hat sich die freie Interpretation à la Charlie durchaus als praktikabel erwiesen.

4) Varianten

4.1) Tasche auf beiden Schultern
Die Pilgertasche muss nicht immer schräg über eine Schulter getragen werden, sondern bietet auch verschiedene andere Möglichkeiten. Eine davon ist, sich den Taschenriemen vorne waagerecht über die Brust zu legen und die Tasche dann im Rücken zu tragen wie hier und hier zu sehen. Hat den Vorteil, dass das Gewicht nicht dauerhaft auf einer Schulter aufliegt und sich gleichmäßiger auf den Körper verteilt. Außerdem kann man auf der Brust mehr Gewicht tragen als auf der Schulter. Das geht im Übrigen auch mit der Flasche.

Wir haben die Variante mit unseren Pilgertaschen zwar ausprobiert, aber für nicht wirklich praktikabel befunden. Vielleicht waren unsere Riemen zu lang; jedenfalls rutschte die Tasche immer nach unten. Als sehr praktisch hat sich diese Tragevariante aber für unsere Gepäckrollen erwiesen – da ist der Riemen kürzer und das Gepäck bleibt an Ort und Stelle.

Satteltasche über die Schulter

4.2) (Esels-)Gepäcktaschen
Ein weiteres Phänomen des Gepäcktransports ist ein (Leinen?)beutel der anderen Form: Es handelt sich um eine Doppelbeutel aus einem breiten Leinenstreifen, in der Mitte mit einem Loch für den Kopf und zwei aufgesetzten Taschen an jedem Ende. Wenn man den Kopf hindurchsteckt, hat man vorne vor der Brust und hinten auf dem Rücken zwei Beutel, die viel Stauraum bieten. Auch solche Beutel findet man (seltener) auf zeitgenössischen Abbildungen (bspw. hier und hier). Wir vermuten, dass es sich vielleicht um zweckentfremdete „Satteltaschen“ handelt, die einem Esel über den Rücken gelegt werden konnten – den Ausschnitt für den Kopf musste man natürlich noch ergänzen.

Satteltasche mit Loch und Kopf durch

Wir hatten die Tasche zwar dabei, haben sie aber nicht umfassend getestet, da sie zusammen mit der Gepäckrolle eher hinderlich gewesen wäre. So in etwa sieht es aber aus. Der Nachteil bei dieser Tasche ist auch zudem, dass die beiden Säcke beim Gehen anfangen zu baumeln. Wir haben zwar schon Reenactor gesehen, die links und rechts bei der Satteltasche Schnallen befestigt haben, mit denen dann Vorder- und Rücksack verbunden werden können, und somit das Baumeln verhindert wird, aber dazu haben wir noch keinen Beleg gefunden.


[1] Wohl auf Sankt Jakobs Straßen. Hymnen, Gebete, Lieder und Reim-Gedichte der Jakobuspilgerschaft, hg. v. Fränkische St. Jakobus-Gesellschaft e.V., Würzburg 2008, S. 25-28.

[2] Aus dem Codex Calixtinus (12. Jh.), Buch 1: Predigt Veneranda dies, vgl. Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert, hg. v. Klaus Herbers, Stuttgart 2008, S. 21-23.

Experteninterview: Wallfahrt und Pilgerziele im norddeutschen Mittelalter

Der dritte im Bunde unserer Interviewreihe ist der Kirchenhistoriker Dr. Hartmut Kühne. Er ist der Kurator der aktuellen Doppelausstellung „Pilgerspuren“ in Lüneburg und Stade und damit der beste Kenner des Pilger- und Wallfahrtswesens im spätmittelalterlichen Norddeutschland. Ihn interviewten wir nicht auf dem Weg, sondern trafen ihn direkt im Anschluss per Internet. Mit ihm sprachen wir über ganz grundlegende Fragen, wie bspw. die Gründe, wieso man pilgerte, was eine Wallfahrt überhaupt ausmacht, und insbesondere über Pilgerziele im Norden Deutschlands, von denen so manches heute fast vergessen und viele überhaupt erst wiederentdeckt wurden – denn nicht alle Wege führten nur nach Rom (oder Santiago oder Jerusalem)!

Die Ausstellung “Von Lüneburg ans Ende der Welt” im Lüneburger Museum läuft noch bis zum 01. November 2020, die Ausstellung “Wege in den Himmel” im Stader Schwedenspeicher könnt ihr vom 03. Oktober 2020 bis 14. Februar 2021 besuchen. Mehr zu den Pilgerspuren hier.

Tag 1: Hildesheim – Lamspringe

Die Route des heutigen Tages: 31,1km von Hildesheim nach Lamspringe (Unten auf der Seite gibt es eine detaillierte Ansicht auf unsere Route per Komoot)

07:20
Frau Vos verabschiedet sich noch von der Haus- und Werkstattkatze Isidorus, eh es auf den Weg geht 😊

08:00
Start am Hildesheimer Dom und Treffen mit der Reporterin Kathi Flau von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (hier geht’s zur Reportage, leider mit Paywall)! Kathi wird uns auch ein Stück des Weges begleiten.
Leider ist im Dom gerade Gebetszeit, sonst hätten wir euch noch ein paar Detailfotos vom berühmten Bernwardsleuchter und den Reliquiaren mitgebracht.
Ein Reliquiar wollen wir euch trotzdem zeigen, das Reliquiar mit den Reliquien Mariens, weil es noch einmal eine spannende Form ist, wie Reliquien im Mittelalter verpackt und präsentiert werden konnten. Mehr zu Reliquien und Reliquienformen findet ihr im Experteninterview mit Julia Hartgen.

09:02
Eine wichtige Orientierungshilfe in der mittelalterlichen Stadt sind Kirchtürme – sie sind markant und überragen, noch viel mehr als heute, weithin sichtbar die Stadtkulisse.
Hier die Türme vom Hildesheimer Kloster St. Godehard, eine von 14 mittelalterlichen Kirchen und Kapellen in Hildesheim!

09:20
Wir überqueren langsam die Stadtgrenzen und der Boden wird angenehmer.

09:35
Eine weitere Zwischenstation und gleichzeitig der Ausgang vom Stadtgebiet Hildesheim ist die heutige Domäne Marienburg (nicht zu verwechseln mit der modernen welfischen Marienburg, die ebenfalls bei Hildesheim liegt!). Sie wurde Mitte des 14. Jahrhunderts vom Hildesheimer Bischof als Trutzburg errichtet und bestand also in ähnlicher Form wie sie sich heute zeigt bereits zu unserer Zeit.

Weiter geht’s! Noch genug Kilometer vor uns. Ultreia! 😉

10:10
8km gegangen. Und der August wartet uns mit wunderbarer Verpflegung am Wegesrand auf!

10:14
Und dann stellt man fest, dass man das Erste-Hilfe-Kit vergessen hat…

Philipps liebem Nachbarn, Mitglied unseres geschätzten Backup-Teams, sei Dank, dass er es uns so spontan und zuverlässig nachgeliefert hat! Zumindest die Blasenpflaster haben wir gut gebrauchen können zu einem späteren Moment.

12:00
13km geschafft – erst mal Frühstück! Es ist wahrscheinlich, dass der mittelalterliche Pilger immer ein wenig Proviant mit sich führt. Das ist bei uns ein bisschen Brot und Käse, eingewickelt in Leinentücher, Möhren und Äpfel. Gerade Obst bekommen wir jetzt im Spätsommer aber auch regelmäßig von den Bäumen geliefert.

Erste Erkenntnis des Tages: Straßen sind staubig (“Ich stelle fest, ich habe Staub in den Falten von meinen Knien” 😆)

13:18
Und die erste interessante Begegnung hatten wir auch schon!
Ein über 80 Jahre alter Herr drehte mit seinem Roller um, der gerade auf dem Weg zu einer Ruine einer Motte war, und erzählte uns u.a. von seinem Jahr in Indien, als er dort zahlreiche Pilger und heilige Männer traf. Heute tourt er täglich durch halb Norddeutschland und besucht Freunde und interessante Orte.
Wer wandern geht, kann was erzählen – sowohl er als auch wir 😄
Viele weitere solcher Begegnungen werden übrigens noch folgen!

14:33
Die Wege werden schwieriger…

15:10
… und schwieriger!
Der Pilgerstab ist bei solchen Steigungen (und vielen anderen Unwegsamkeiten) übrigens eine enorme Hilfe. Mehr zur Verwendung des Pilgerstabs findet ihr hier. [Beitrag ist in Vorbereitung]

15:55
Eine kurze Pause, um die Wasserflaschen wieder aufzufüllen. Da es keine öffentlichen Trinkwasserbrunnen gibt, sprechen wir Anwohner an. Sie sind alle sehr hilfsbereit!

Hier gibt es auch erste Verluste zu beklagen! Philipps Rosenkranz nach einem Original im Museum Hameln ist gerissen. Leider sind auch die meisten Perlen weg, darunter die drei geschnitzten Gagat-Perlen in Muschelform 😕 
Aber er nimmt es mit Humor – call me Captain Jack Sparrow!

16:30
Wir erreichen Bodenburg mit Schloss Bodenburg, das auf eine mittelalterliche Wasserburg zurückgeht. Hier herrschten ab dem 14. Jahrhundert die Grafen von Steinberg, Ministerialen des Hildesheimer Bischofs. Im 16. Jahrhundert wurde die Burg zum Schloss umgebaut.

Da das Schloss sehr zugewachsen und kaum zu sehen ist, genießen wir die Aussicht.

Ab 17:00
Gegen 17 Uhr verwandelten sich die Wege in… naja, wie soll man es beschrieben? Ein Bach, der zu einer Harvester-Fahrbahn wurde, und dann zuwucherte? Danke Komoot für diese spannende Route! 😶
Mehr Infos zur Streckenführung gibt es hier.

17:15
15 Minuten später wird der Weg wieder zu etwas, was die Bezeichnung verdient. Die Freude war groß (auch wenn die beginnende Erschöpfung die Mundwinkel leicht nach unten fixierten)

17:30
Der erste Verlust auf Mai-Britts Seite: Ihr reißt der Tragegurt von ihrem Kleidungsbündel. Möglicherweise war das alte Hanfseil doch schon etwas spröde. Zum Glück haben wir noch einen Gürtel dabei, den sie nun als Trageriemen verwenden kann. Der ist sogar viel bequemer! Zu den unterschiedlichen Trageweisen des Gepäcks erfahrt ihr hier mehr [Beitrag folgt].

17:45
Und noch einmal eine halbe Stunde später: Zivilisation! Das muss Lamspringe sein!
Und der Fuchs führte Herrn und Frau Vos ans Ziel! Sind Füchse etwa doch Rudeltiere?

18:15
Ziel erreicht! Lamspringe! Ja, Philipp ist “etwas” kaputt und muss erst einmal akklimatisieren. Ihr seht: Sein Wams bekommt die ersten Löcher, und um seine Hose ist es auch nicht besser bestellt…

18:30
Dass wir Lamspringe als Tagesziel ausgesucht haben, kommt nicht von ungefähr, sondern hat einen guten Grund. Hier gab es im Mittelalter ein großes Benediktinerinnenkloster und Klöster bildeten im Mittelalter immer eine gute Unterkunftsmöglichkeit. Sie unterhielten häufig Spitäler (nicht im Sinne von Krankenhaus, sondern im Sinne von Gästehaus) und hier konnten auch Pilger unterkommen. Die Gemeinde Lamspringe unterhält auch heute noch eine Pilgerunterkunft, die war Coronabedingt aber leider noch nicht wieder geöffnet, deswegen haben wir diese Nacht bei Freunden verbracht.

Aber Lamspringe ist auch in anderer Hinsicht interessant, denn es hatte im Mittelalter ein großes Skriptorium – und ja, hier schrieben auch die Frauen! – und hat auch heute noch eine Wallfahrt, nämlich zum heiligen Oliver Plunkett. Dazu mehr im Video!

19:00
Auch essen muss der Pilger! Neben dem Proviant, das er dabeihat, ist auch eine richtige Mahlzeit wichtig. Die hätte er normalerweise im Gasthaus oder in der Pilgerunterkunft bekommen. Sie sah aber mit Sicherheit etwas anders aus als unser Abendessen…

Für die Imbiss-Mitarbeiter waren wir vielleicht sogar ein noch größeres Highlight als deren Essen für uns. Sie waren hellauf begeistert, sehr, sehr interessiert und haben jetzt ein Foto von uns mit ihrer Pizza auf dem Bildschirm in ihrem Laden 😀

19:45
Wir erreichen unsere heutige Unterkunft bei Familie Schmidt, die uns freundlicherweise beherbergt. Hier gibt es Dusche, Bett, ein Bier und Hund und auch eine erste Blasenbilanz. Ausbeute: zwei fiese Blasen an Mai-Britts rechtem Fuß. Zum Glück haben wir ja nun, dank nachgelieferter Erste-Hilfe-Tasche, auch Blasenpflaster dabei.

Bilanz des Tages
Die Bilanz des ersten Tages! Was haben wir geschafft, was ist passiert, was fiel uns auf, welche Verluste haben wir zu beklagen und was wollen wir morgen ändern? Das erfahrt ihr im Video!


Für alle, die neugierig auf die genauere Streckeführung sind, mehr Statistik möchten oder nachwandern:

Tag 2: Lamspringe – Wiebrechtshausen

Die Route des heutigen Tages, inklusive Höhenprofil (Unten auf der Seite gibt es eine detaillierte Ansicht auf unsere Route per Komoot)

08:00
Aufbruch bei Familie Schmidt und schon wieder auf dem Weg!

08:30
Durch diese hohle Gasse muss er gehen!
Und wieder wird ein Wanderweg bald zu einem Brennnesselfeld.

10:30
Wir erreichen das Kloster Brunshausen, kurz vor Bad Gandersheim.
Dieses ehemalige Benediktinerinnenkloster ist heute das Museum Portal zur Geschichte – Sammlung Frauenstift Gandersheim. Hier treffen wir auch Julia Hartgen, die Leiterin des Museums und sprechen mit ihr in unserem ersten Experteninterview über die Reliquienverehrung im Mittelalter.

12:00
In Bad Gandersheim besuchen wir auch noch die zweite Station des Museums, die Stiftskirche Bad Gandersheim. Der monumentale Bau stammt aus dem 9./10. Jahrhundert und wird noch heute als Kirche genutzt. Neben den originalen Kunst- und Ausstattungsgegenständen im Kirchenraum wie dem großen Hauptaltar, das Grabmal des sächsischen Stiftsgründers Liudolf oder dem steinernen Zentaur, gibt es im Westwerk auch weitere Ausstellungsräume. Hier sind unter anderem das Heilig-Blut-Reliquiar und der Archivschrank ausgestellt, die Julia Hartgen auch in ihrem Interview erwähnt.

13:40
Danach ging es über Stock und Stein, naja, über Wiesen, weiter. Sogar mit einem kleinen Zufallsfund, der sogar für unsere Verhältnisse schon alt ist.

14:20
Ein neuer Verwendungszweck von Pilgerstäben: Obstpflücker!
Äpfel werden definitiv unser Hauptnahrungsmittel auf dieser Reise!

Aber der Stab kann noch mehr. Welche Verwendungsweisen es noch gibt, lest ihr hier. [Beitrag in Vorbereitung] 😉

16:00
Über 20km geschafft!
Wie ihr merkt, blieb die Berichterstattung im Reisetagebuch heute Vormittag etwas spärlich. Das liegt nicht nur an unserem engen Zeitplan, sondern auch an dem mangelnden Internetempfang.
In Sebexen ändert sich das. Hier finden wir eine Bank, frisches Wasser – und ja: LTE. Wir nutzen also die Gelegenheit für eine Pause und ein paar nachträgliche Updates für euch.

17:20
In Kalefeld, dem letzten größeren Ort auf der Etappe stocken wir noch einmal unsere Vorräte auf. Während mittelalterliche Pilger auch von Spenden leben konnten, müssen wir auf den Supermarkt zurückgreifen. Bei diesem warmen Wetter ist ein Eis praktisch Pflicht. Schaut euch diese glücklichen Gesichter an!

Eigentlich wollten wir um diese Zeit schon in Wiebrechtshausen ankommen, aber es sind noch zwei Stunden bis zum Ziel!

18:45
Heute wird es eine späte Ankunft und langsam ist die Luft raus. Das Ziel ist Wiebrechtshausen und wir haben die Wahl im großen Bogen auf der Landstraße über Imbshausen zu gehen oder im Zick-Zack-Kurs an der Autobahn entlang über Feldwege. Wir entscheiden uns für die Feldwege – leider alles spitzer Schotter, der sich gar nicht gut mit unseren Schuhen verträgt.
Komoot verkündet, das Ziel sei nur noch einen Kilometer entfernt, aber nichts ist in Sicht. Hinter Bäumen verborgen, hinter den immer mehr werdenden Hügeln oder sind wir etwa auf dem völlig falschen Kurs? Dafür wartet uns der Weg mit Zwetschgen auf.

19:20
Plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht das Ziel auf: Wiebrechtshausen! Nur noch 300 Meter!

19:30
Nach 34km Ankunft am heutigen Etappenziel: Klostergut Wiebrechtshausen.
Heute machen wir es wirklich wie die Pilger im Spätmittelalter und kommen im Kloster unter! Um Einlass zu bekommen, muss der mittelalterliche Pilger sich ausweisen können. Dafür führt er einen Pilgerbrief mit sich. Auch wir haben so einen Brief dabei – was darin steht, und wofür man ihn noch brauchen kann, erfahrt ihr hier.

Die Klosterkirche gehörte ursprünglich zu einem Zisterzienserinnenkloster, das hier in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet wurde. Innen ist sie eher schlicht, interessant sind aber die Kapitelle, ein Kruzifix von um 1300 und die Grablege des Welfenherzogs Otto dem Quaden.
Von der restlichen Anlage ist nichts mehr erhalten, stattdessen ist sie heute Teil eines landwirtschaftlichen Betriebs.

Wundervoll und jedem ans Herz zu legen ist übrigens die kleine, aber feine Pilgerunterkunft hier, ein eigener Wohnwagen nur für Pilger. Den Kontakt erhaltet ihr über die Kirchengemeinde Langenholtensen.

20:00
Auf dem idyllischen Klostergut haben wir auch noch Zeit für ein kleines Fotoprojekt. Die Ähnlichkeit mit diesem Pilgerpärchen ist frappierend, oder?

Der Mähdrescher im Hintergrund ist natürlich beabsichtigt, um Verwechslungen mit dem Original vorzubeugen – auch am gebrochenen Fuß muss Philipp noch arbeiten 😉

20:30
Blasenkontrolle: Mai-Britt +1 (Ferse links), Philipp +4 (unter den Fußballen). Was die Blasenversorgung angeht, machen wir durchaus Zugeständnisse: Da müssen Blasenpflaster schon sein!

22:15
Nach einer Dusche (jaja!), einem schnellen Abendbrot und unzähligen Mückenstichen geht es in die Koje. Morgen früh heißt es früh aufstehen!

Bilanz des Tages
Hier kommt die Bilanz des zweiten Tages unserer Pilgerreise mit neuen Berichten zur Tagesetappe, Weg und Wetter und unserer Gepäckstrategie.
Fehlerkorrektur: Wir sprechen im Video übrigens von 34 Kilometern Tagesetappe. Es waren in der Tat nur knapp 32, aber es hat sich definitiv angefühlt wie 34!


Für alle, die neugierig auf die genauere Streckenführung sind, mehr Statistik möchten oder nachwandern:

Experteninterview: Mobilität im Mittelalter

Dr. Niels Petersen ist Landeshistoriker an der Uni Göttingen und co-koordiniert das Straßen- und Handelsroutenprojekt Viabundus. Viabundus war unser zentrales Hilfsmittel, um die historische Strecke für unsere Pilgerroute zu rekonstruieren. Mit ihm sprachen wir über die Themen Reisen und Mobilität im Mittelalter. Dabei sind er und zwei weitere Mitarbeiterinnen sogar selbst ein Stück des Weges mit uns gepilgert.

Experteninterview: Reliquienverehrung im Mittelalter

Am Morgen unseres zweiten Reisetages treffen wir am ehemaligen Kloster Brunshausen Julia Hartgen, M.A., die Leiterin des Stifts- und Klostermuseums Portal zur Geschichte – Sammlung Frauenstift Gandersheim. Am Beispiel der aus dem umfangreichen Gandersheimer Schatz zahlreich erhaltenen Reliquien, die erst vor wenigen Jahren umfassend erschlossen wurden, gibt sie uns Einblicke in den mittelalterlichen Heiligenkult und die Reliquienverehrung. 

Ankunft in Nikolausberg: Die Kirche durch die Augen eines mittelalterlichen Pilgers

Schon in unserem VorWeg #4 haben wir euch von Nikolausberg, der Verehrung des heiligen Nikolaus und der dortigen Wallfahrt berichtet. Während wir euch in diesem ersten Post zeigen wollten, was wir heute noch über die dortige Wallfahrt wissen, so sollt ihr hier nun einen Eindruck von der Kirche in Nikolausberg bekommen: Viele der mittelalterlichen Bildwerke haben sich bis heute erhalten, einige stehen noch immer an ihrem originalen Aufstellungsort. So ist das nicht nur das Bild wie wir die Kirche gesehen haben, sondern vielleicht auch die Form wie sie sich einem mittelalterlichen Pilger präsentiert haben mag.

Punkt 17:00 Uhr am Sonntag erreichen wir die Kirche. Dort treffen wir Ulrich Hundertmark, den Vorsitzenden des Kirchenvorstands, und Hildburg Rosenbauer, die örtliche Heimatpflegerin. Frau Rosenbauer führt uns chronologisch durch die Kirche: Angefangen mit den Säulenkapitellen und der Skulptur einer Sitzmadonna, arbeiten wir uns vor Richtung Hauptaltar. Das jüngste Zeugnis sind die Graffiti der Kirchenbesucher, die bis in die Neuzeit reichen und sich hoch über die Wände des Chors erstrecken.

1) Die ältere Sitzmadonna an der Ostwand des südlichen Seitenschiffs stammt aus der Gründungszeit der Kirche im 12. Jh. Ihre Hände und das Kind sowie die Fassung und die Steine fehlen heute. Ob sie einmal Reliquien barg, ist ungewiss. 2) Die jüngere Sitzmadonna (frühes 14. Jh.) befindet sich am südlichen Vierungspfeiler. Anders als ihre ältere Schwester ist ihre Körpersprache lockerer und fließender. Der Thron, auf dem sie saß, wurde im 19. Jahrhundert abgesägt, als sie als Ersatz für fehlende Figuren in den Hauptaltar eingesetzt wurde. 3) In die gleiche Zeit datiert die Nikolausstatue in der Verlängerung des nördlichen Seitenschiffs. Im Mittelalter barg sie, genauso wie die jüngere Madonna, vermutlich Reliquien. Sie ist heute das “Wahrzeichen” der Kirchengemeinde. Die Fassung ist nicht mehr original. 4) Dieses Altarretabel am nördlichen Vierungspfeiler stammt aus der Zeit um 1400. Möglicherweise handelt es sich um das ehemalige Hauptaltarretabel, denn es datiert in die gleiche Zeit wie die Chorerweiterung. Dargestellt ist das Leben Christi, allerdings war die Mitteltafel so beschädigt, dass die fehlenden Bilder in moderner Interpretation von einem Künstler ergänzt wurden. 5-8) Der heutige Hauptaltar stammt aus der Zeit kurz vor 1500. Er zeigt geschnitzt die Kreuzigung Christi, umringt von einigen Heiligen in den Altarflügeln. Die meisten sind verloren und wurden später ergänzt, u.a. wurde auch die (2) hier vorübergehend eingesetzt. Der Altar ist ganz auf die Kirche und ihren Nikolauskult ausgerichtet: So findet sich Nikolaus im Hintergrund der Kreuzigungsszene (6) und Reste eines Nikolauses sind auch noch auf der Rückseite des Altarunterbaus (Predella) zu erkennen (7). Hinter der kleinen Tür in der Predellenrückseite wurden ursprünglich vermutlich die Reliquien des Heiligen verwahrt (8). Sie ist heute übersät von den Inschriften zahlreicher neuzeitlicher Kirchenbesucher. 9) Auch im 16. Jahrhundert verewigten sich aber schon Besucher in der Kirche wie bspw. Hans Roleff. Sein Graffiti von 1560 zählt zu den ältesten sicher datierbaren und fällt damit kurz nach die lutherische Reformation – ob er, ganz im protestantischen Sinne, lediglich Kirchenbesucher war oder ob dahinter vielleicht doch noch Motive einer katholischen Heiligenverehrung standen, ist nicht mehr zu sagen.

Im 14. Jahrhundert wurde der Chor der Kirche im gotischen Stil erweitert. Dieser Umbau war auch ein Service für die Wallfahrer. Sie konnten nun den Altar umrunden und dadurch den Reliquien in der Predella besonders nahe kommen. Philipp nimmt den Weg, den auch ein mittelalterlicher Pilger damals gegangen sein mag und nimmt euch im Video mit.

Obwohl die Wallfahrt zum heiligen Nikolaus genauso wie seine Reliquien mit der Reformation verschwanden, spielt der Heilige auch heute noch eine große Rolle in der Nikolausberger Gemeinde. So berichtet Herr Hundertmark vom Aktionsjahr “1000 Jahre Nikolausverehrung” 1999. Damals gab es eine Ausstellung zum heiligen Nikolaus in der Klosterkirche. Und seitdem werden in Nikolausberg auch wieder regelmäßig Kinderbischöfe gewählt.

Der Brauch der Kinderbischöfe geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Einmal im Jahr, meistens am Nikolaustag, wurde ein Kinderbischof gewählt, der für einen Tag das Amt des Bischofs oder Abts und einen Teil seiner Aufgaben übernehmen durfte. Er gab nun den Ton an. Die Tradition entstand an Kloster- und Stiftsschulen und verbreitete sich von dort auch schnell in andere Kreise. Mit der Reformation verschwand der Brauch langsam wieder.

Nikolausberg ist heute eine von wenigen Kirchengemeinden in Deutschland, wo diese Tradition wieder auflebt, jedoch in etwas anderer Form. Jährlich zum Nikolaustag werden im Beisein der Nikolausstatue drei Kinder aus dem Ort gewählt, die dann für ein Jahr die Interessen der Jüngeren vertreten dürfen. Während ihrer Amtszeit organisieren sie gemeinsame Aktionen, ehren einen besonders kinderfreundlichen Erwachsenen und stärken so den Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen im Ort. Natürlich haben die drei Kinderbischöfe auch eine Amtskleidung: eine Amtskette mit dem Nikolausberger Pilgerzeichen. Nikolaus ist und bleibt also in Nikolausberg lebendig!

Nach der Führung gab es noch kleine Snacks und Getränke für uns. Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Kirchengemeinde Nikolausberg und ganz besonders bei Ulrich Hundertmark und Hildburg Rosenbauer für den freundlichen Empfang, die Unterstützung, das Engagement und die Bereitschaft, uns die Kirche zu zeigen!

Und wir hoffen, auch euch hat es gefallen! Natürlich ist das, was wir euch hier zeigen, nur ein kleiner Einblick in die ehemalige Klosterkirche Nikolausberg. Aber wir wollen ja auch nicht zu viel verraten. Wenn ihr die Kirche selbst einmal besuchen und den Weg der mittelalterlichen Wallfahrer gehen wollt, sie ist in den Sommermonaten täglich für Besucher geöffnet. Ein Besuch lohnt sich!

VorWeg #5: Reisetagebuch und Dokumentation

Am Freitag geht sie los, die Reise, und wie versprochen, sollt ihr live dabei sein können. Dabei haben wir verschiedene Formate und Kanäle für euch entwickelt, über die ihr uns „auf Schritt und Tritt“ folgen könnt. Dies ist euer Leitfaden, damit ihr nichts verpasst:

1) Das Reisetagebuch:

Unser Reisetagebuch ist sozusagen unser Live-Ticker. Wie in einem Logbuch werden wir alle Momente, die auf unserer Reise bedeutsam sind, für euch festhalten: Das kann Witziges und Schönes, Wissenswertes, Spannendes und Emotionales sein. Wenn ihr wissen wollt, wo wir uns gerade befinden, wen wir unterwegs treffen und was für spannende Orte wir entdecken, wenn ihr live dabei sein wollt, wenn Philipp seine fünfundzwanzigste Blase bekommt und Mai-Britts Mantel dann doch dem Regen nachgibt, dann seid live dabei.

Wie ihr mitlest:

  • Das ausführliche Logbuch findet ihr auf facebook in unserer histopilgern2020-Veranstaltung. Abonniert die Veranstaltung hier.
  • Eine kompakte Version des Logbuchs wird es auch (auf Englisch) über unserer Twitter-Kanal geben.
  • Dieses Reisetagebuch werden wir im Nachhinein auf unseren Blog www.histofaber.de überführen, sodass ihr alle Erlebnisse auch in Zukunft noch übersichtlich nachlesen könnt.

2) Die Experteninterviews:

Nicht nur Hildesheim und Nikolausberg sind historisch spannende Orte, sondern wir passieren auch auf dem Weg noch einige interessante Stationen. Hier haben wir uns mit Experten verabredet, die uns Einblicke in die Frömmigkeit, die Reliquienverehrung und das Pilgerwesen im Mittelalter geben werden. Diese Experteninterviews werdet ihr nach unserer Pilgerreise ebenfalls auf unserem Blog finden. 

  1. Am ehemaligen Kloster Brunshausen bei Bad Gandersheim treffen wir Julia Hartgen, M.A., die Leiterin des Stifts- und Klostermuseums Portal zur Geschichte. Am Beispiel des umfangreichen Bad Gandersheimer Reliquienschatzes, der bis heute erhalten ist und erst vor einigen Jahren umfassend erforscht wurde, wird sie uns Einblicke in den mittelalterlichen Heiligenkult und die Reliquienverehrung geben.  
  2. Dr. Niels Petersen ist Landeshistoriker an der Uni Göttingen und leitet das Straßen- und Handelsroutenprojekt Viabundus. Viabundus war unser zentrales Hilfsmittel, um die historische Strecke für unsere Pilgerroute zu rekonstruieren. Mit ihm werden wir über die Themen Reisen und Mobilität im Mittelalter sprechen. Dabei wird er sogar selbst ein Stück des Weges mit uns pilgern. 
  3. Im Anschluss an unsere Reise sprechen wir mit dem Kirchenhistoriker Dr. Hartmut Kühne. Er ist der Kurator der aktuellen Doppelausstellung „Pilgerspuren“ in Lüneburg und Stade und damit der beste Kenner des Pilger- und Wallfahrtswesens im spätmittelalterlichen Norddeutschland. Im Interview erklärt er, wohin, wie oft, und vor allem: warum Menschen pilgerten und gibt uns Einblicke in die teilweise vergessene spätmittelalterliche Wallfahrtslandschaft zwischen Weser und Elbe.

3) Testberichte zur Ausstattung

Wir haben euch in unserem VorWeg #2 die Ausstattung vorgeführt, die wir mitnehmen wollen. Das ist aber bisher, zugegebenermaßen, noch reine Theorie. Wie sich die Ausstattung in der Praxis erweist, was sinnvoll ist mitzunehmen, was vielleicht lieber zu Hause bleiben kann, und welchen Gegenstand wir auf unserer Reise schmerzlich vermisst haben, werden wir euch hier erklären. 

Einen gesonderten Testbericht wird übrigens unser Schuhwerk erhalten: Mittelalterliches Schuhwerk ist ganz anders aufgebaut als modernes und läuft sich aufgrund der dünnen Ledersohle sehr viel schneller durch. Nichtsdestotrotz haben mittelalterliche Menschen in solchen Schuhen hunderte Kilometer zurückgelegt. Unsere Schuhe sind nun die Probe aufs Exempel: Wie weit kann man auf mittelalterlichen Schuhen laufen, wie komfortabel sind sie und welche Wege lassen sich gut, welche weniger gut bewältigen? Für diesen Test werden wir von Stefan Schneidewind von Maßwerk Historische Schuhe unterstützt: Er hat uns für die Reise zwei nigelnagelneue Paar Schuhe auf unsere Maße gefertigt und zur Verfügung gestellt – handgearbeitete Rekonstruktionen nach zeitgenössischen Vorbildern – und wir stellen die zugehörigen Füße für einen 100km Belastungstest. Gemeinsam laufen wir für euch den Test! 

Wollt ihr noch mehr von uns wissen? Welche Einblicke wünscht ihr euch? Lasst es uns wissen!

VorWeg #4: … und das Ziel ist das Heil

Eine Wallfahrt ist natürlich nicht reiner Selbstzweck, sondern es geht um das höchste Gut des mittelalterlichen Menschen: Sein Seelenheil. Ohne Seelenheil, also eine „gesunde“, sündenfreie Seele, kann der Mensch nach seinem Tod nicht in den Himmel kommen. Es ist also sinnvoll, bereits zu Lebzeiten für das Heil seiner Seele vorzusorgen und dafür werden im Verlauf des Mittelalters zahlreiche Strategien entwickelt.[1] Eine davon ist die Unterstützung der Heiligen, die man beispielsweise auf Pilger- und Wallfahrten für sich erwerben konnte – so auch in Nikolausberg. In diesem VorWeg-Post möchten wir euch gerne zeigen, wie die Wallfahrt nach Nikolausberg aussah, woher die Pilger kamen, und was sie dabei tatsächlich für ihre Seele gewinnen konnten. Das erklärt, warum auch Anneke und Lukas Vos gerade Nikolausberg als Ziel für ihre Reise ausgewählt haben.

Die Kirche und das Kloster

Nikolausberg, damals noch Ulrideshusen oder Olrikeshusen, ist heute ein malerisches kleines Dorf auf einem Berg nördlich von Göttingen in Südniedersachsen. Hier wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts ein Augustinerinnenkloster gegründet. Dieses Kloster besaß Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra. Auch nachdem das Kloster bald nach der Gründung an einen neuen Standort übersiedelte, nämlich nach Göttingen-Weende, blieb die Kirche in Nikolausberg erhalten und auch die Reliquien des heiligen Nikolaus verblieben dort und gehörten weiterhin zum Kloster. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich hier eine regelrechte Kultstätte für den heiligen Nikolaus und eine Wallfahrt von überregionalem Ausmaß entstand.[2]

Der heilige Nikolaus – Beschützer der Gefangenen

Heute kennen ihn die meisten als den „kleinen Bruder“ vom Weihnachtsmann (man vergleiche den englischen Namen Santa Claus!), damals war er Patron der Seefahrer und Schutzheiliger der Gefangenen: der heilige Nikolaus von Myra. Gesicherte Nachrichten über Nikolaus‘ Leben und Wirken gibt es nicht. Das meiste ist in Form von Legenden überliefert, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass möglicherweise mehrere historische Personen in der legendarischen Person des Nikolaus zusammenflossen. Diese Legenden prägen auch die mittelalterliche Vorstellung von Nikolaus und sind Grundlage des Kults in Nikolausberg.

Nikolaus (*um 283) wirkte zunächst als Priester, später als Bischof in Myra in der heutigen Türkei. Verschiedene Legendentraditionen ranken sich um seine Person: So soll er einigen Frauen in seiner Gemeinde geholfen haben, indem er ihnen Geld durchs Fenster oder durch den Kamin zukommen ließ – die Grundlage für die heutige Vorstellung vom heiligen Nikolaus, der den Kindern am Nikolaustag Geschenke bringt. Als Bischof soll er drei zu Unrecht festgesetzte Feldherren befreit haben, indem er dem Kaiser im Traum erschien und ihm auftrug, seine Gefangenen ziehen zu lassen. Ebenso soll er drei schiffbrüchigen Pilgern zu Hilfe gekommen sein. Wie viele frühe Christen wäre auch Nikolaus beinahe der Christenverfolgung zum Opfer gefallen. Er wurde zwar gefangen und gefoltert, überlebte jedoch und starb erst um 348. Noch heute kann man im von Coca Cola geprägten Outfit des Weihnachtsmanns den ursprünglichen Nikolaus erkennen: Der lange Mantel und die zur Zipfelmütze erschlaffte Mitra erinnern noch an die bischöfliche Kleidung.

Die Verehrung des Nikolaus als Heiligem setzt im 6. Jahrhundert ein und erreichte Westeuropa im Hochmittelalter.[3] In Nikolausberg wurde er vor allem als Schutzpatron der Gefangenen verehrt: Das belegen zahlreiche Ketten und Fesseln, die sich im 15. Jahrhundert in der Kirche fanden. Solche sogenannten Votivgaben wurden von ehemaligen Gefangenen, die für ihre Befreiung eine Wallfahrt nach Nikolausberg gelobt hatten, als Zeichen ihrer Dankbarkeit in der Kirche niedergelegt.[4]

Wie aus Ulrideshusen Nikolausberg wurde: Ablass und Wallfahrt

Das Kloster muss die Reliquien[5] des heiligen Nikolaus bereits sehr früh in seiner Geschichte erhalten haben. Sie verblieben in Ulrideshusen, als der Konvent nach Weende umzog.

1261 gewährte Papst Alexander IV. einen ersten Ablass für Nikolausberg, also einen Erlass der Sündenstrafe um eine gewisse Zeitspanne. Dieser Ablass galt für den Nikolaustag am 6. Dezember und die folgende Woche, die Oktav, und umfasste 40 Tage.[6]

Eine richtige Wallfahrt setzte aber wohl erst gut 100 Jahre später ein, um die Mitte des 14. Jahrhunderts. In diese Zeit datiert die Gründungslegende des Klosters, die beschreibt, wie das Kloster auf den letzten Wunsch eines auf dem Weg sterbenden Pilgers hin in Ulrideshusen errichtet und mit den Reliquien des Nikolaus ausgestattet wurde. Bereits während des Klosterbaus sollen sich erste Wunder ereignet haben, die auch danach nicht abrissen.[7] Zwar behauptet der Gründungsbericht, dass es schon seit dem 11. (!) Jahrhundert eine rege Wallfahrt nach Nikolausberg gegeben habe, aber solche „Rückdatierungen“ sind im Mittelalter eine beliebte Strategie, um einem neuen Kult künstlich ein bisschen mehr Tradition und damit Legitimation zu verleihen. Vermutlich entstand erst zu dieser Zeit eine richtige Wallfahrt, die das Kloster mit der Legende zusätzlich fördern wollte, denn eine Wallfahrt brachte ja auch Ansehen und Einnahmen mit sich – „gewusst, wie“ eben!

Eine weitere Strategie, die Wallfahrt attraktiv zu machen, war, den Ablass zu erhöhen, und hierauf verstand man sich in Nikolausberg sehr gut. 1387 verliehen der Erzbischof von Magdeburg und der Hildesheimer Bischof jedem, der an einem von 35 ausgewählten Festtagen, in deren Oktav oder an einem Sonntag nach Nikolausberg kam und dort den Heiligen verehrte, 40 Tage Ablass. Rechnen wir das einmal hoch, dann war es fast unmöglich, keinen Ablasstag zu treffen. Umso besser für unsere beiden Pilger, Anneke und Lukas Vos! Auch dieser Ablass ist also im Zusammenhang der beginnenden Wallfahrt zu sehen.

Wie verhält sich die Nikolausberger Wallfahrt aber zu anderen Pilgerzielen dieser Zeit? Mit den drei großen Pilgerzielen Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela konnte sie sicher nicht mithalten, und auch im Deutschen Reich gab es mit Einsiedeln oder Wilsnack sehr viel bedeutendere Wallfahrten, die auch sehr viel mehr Ablass boten. Neben diesen großen Wallfahrtszielen entwickelte sich im späten Mittelalter aber auch ein immer engmaschigeres Netz von sogenannten Nahwallfahrtsorten. Auch die erfreuten sich großer Beliebtheit, denn im Gegensatz zu einer Fernreise konnten sich auch die „kleinen Leute“ eher mal eine Pilgerreise zu einem nahen Wallfahrtsort leisten.

Unser Nachguss des erhaltenen Pilgerzeichens

Hier spielt Nikolausberg gewissermaßen eine Zwischenrolle: es war ein „Wallfahrtsort mit deutlich überregionaler Anziehungskraft, aber doch nicht das Ziel einer Fernwallfahrt“.[8] Das wird deutlich, wenn man sich einmal anschaut, woher die Wallfahrer denn kamen. Den schriftlichen Quellen zufolge kamen sie aus Münden, Winzenburg, Kochstedt, Kassel, Calenberg, Lübeck, weitere vermutlich aus Einbeck, Northeim, Meißen und Schlesien. Ein deutlicher Schwerpunkt lag also auf dem mitteldeutschen Bereich zwischen Südniedersachsen, Hessen, Nordthüringen und Sachsen.[9] Hildesheim, von wo Anneke und Lukas lospilgern, fällt ebenfalls genau in dieses Einzugsgebiet (mehr zu unserem Streckenverlauf).

Neben diesen regionalen Wallfahrten, die oft nur wenige Tagesreisen in Anspruch nahmen, gab es aber auch Pilger aus weiter entfernten Regionen. Dabei war Nikolausberg aber vermutlich eher ein Durchreisepunkt zu einem entfernteren Wallfahrtsort denn eigentliches Ziel: So legte der Lübecker Johann Nywold 1414 testamentarisch fest, dass in seinem Auftrag ein Pilger nach Thann und Einsiedeln reisen und auf dem Weg dorthin auch in Nikolausberg Halt machen sollte.[10] Nikolausberg war dann sogenannter Transitwallfahrtsort.

Das Einzugsgebiet wird noch einmal deutlich, wenn wir uns die Verbreitung der Nikolausberger Pilgerzeichen ansehen. Zwar ist nur eines der empfindlichen Zinn-Blei-Zeichen im Original überliefert, es findet sich aber auch als Abguss auf zahlreichen Glocken. Die Verteilung der rund 100 überlieferten Pilgerzeichen seht ihr in der Karte. Übrigens war Nikolausberg im 14. Jahrhundert einer von nur sechs Wallfahrtsorten östlich des Rheins, die überhaupt Pilgerzeichen hatten![11]

Verteilung der Pilgerzeichenfunde und Glockenabgüsse des Nikolausberger Zeichens aus der Datenbank von Kunera

Wallfahrten waren aber nicht nur immer fromme Unterfangen: Wo viele Menschen zusammenkommen – und das war in Nikolausberg ganz offensichtlich der Fall – entsteht auch immer Handel und wird auch immer gefeiert. Zu Wallfahrtstagen wurde in Nikolausberg Einbecker Bier ausgeschenkt. Dabei wurde auch durchaus mal über den Durst getrunken; Streitereien und Handgreiflichkeiten blieben dabei nicht aus, wie von anderen Wallfahrtsorten belegt! Händler schlugen auf dem Kirchhof ihre Stände auf und verkauften den Pilgern fromme Bildchen und Devotionalien. Das Kloster sah das gar nicht gerne, denn es würde die Andacht stören, und bat 1434 um Unterstützung in dieser Sache.[12]

Wir sehen also, dass die Wallfahrt nach Ulrideshusen gerade im späten Mittelalter beliebt war und bald auch überregionale Pilger anzog. Anfangs noch vom Konvent selbst befördert, verselbstständigte sich die Wallfahrt bald mit Handel und Bier, sodass das Kloster eingreifen musste. Der Kult um den heiligen Nikolaus war dabei so wichtig, dass er sogar eine Namensänderung des Ortes bewirkte: Ulrideshusen wurde im 15. Jahrhundert zunächst zu sinte Nicolawes berche to Olrikeshusen und schließlich zu Nicolaes berge.[13]

Noch immer vorhanden: Zeugnisse der Wallfahrt

Obwohl die Nikolausreliquien 1542 in der Reformation entfernt wurden, finden sich auch heute in der mittelalterlichen Kirche noch zahlreiche Zeugnisse des Heiligenkults und der Wallfahrt. Die meisten von ihnen stehen noch immer an ihrem originalen Aufstellungsort, sodass die Kirche einen guten Eindruck davon gibt, welches Bild einen mittelalterlichen Wallfahrer und damit auch Lukas und Anneke in Nikolausberg erwartet hätte.

Der Nikolausberger Chor mit dem Hochaltarretabel

Darunter fällt eine Holzstatue des heiligen Nikolaus aus der Zeit um 1300, die damals möglicherweise auch Reliquien enthielt. Zwei Altarretabel sind auch noch vorhanden, wobei der Hochaltar im Chor wohl ebenfalls Nikolausreliquien enthalten hat. Der Chor wurde vor 1400 so umgebaut, dass die Pilger den Altar umschreiten und von allen Seiten bewundern konnten. Auf seiner Rückseite sieht man noch heute die Reste eines heiligen Nikolaus mit Mitra aufgemalt. Für diesen Altar stickten die Weender Nonnen einen Altarbehang, der das Leben des heiligen Nikolaus darstellt. Graffiti und Namenskritzeleien, die sich noch heute an den Wänden und am Altar finden, könnten ebenfalls von Pilgern stammen. Sie belegen: “Ich war hier”. Die einzigen sicher datierbaren Graffiti stammen aber aus der Zeit nach der Reformation, sind also vielleicht eher schmierenden Ausflüglern als tatsächlichen Pilgern zuzuschreiben.

All das werden wir euch natürlich auch in unserem Reisetagebuch zeigen!

Fazit: Nikolausberg – eine ‚vergessene‘ Wallfahrt?

Obwohl die Wallfahrt mit der Reformation endete, war Nikolausberg auch danach noch immer eine Reise wert, statt Kultstätte wurde es nun zum sonntäglichen Ausflugsziel. Schaut man sich Nikolausberg aber heute einmal an, so möchte man kaum glauben, dass es sich hierbei um eines der beliebtesten Wallfahrtsziele Nord- und Mitteldeutschlands gehandelt hat! Erst langsam kommt die Bedeutung des Ortes wieder ins Gedächtnis: Zunächst durch wissenschaftliche Untersuchungen, vor allem von Wolfgang Petke, dann auch durch Ausstellungen, wie die große Pilgerausstellung, die 2020 in Lüneburg und Stade zu sehen ist, und auch wir wollen mit unserem Pilgerprojekt dazu beitragen, Nikolausberg wieder ein bisschen ins Gedächtnis zu rufen.

Wer nun also angefixt ist: Die Nikolausberger Kirche ist als Pilgerkirche in den Sommermonaten tagsüber geöffnet und kann besucht werden. Ab Oktober sind einige Objekte aus Nikolausberg, darunter die Statue und die Pilgerzeichen, in der Doppelausstellung in Stade zu sehen. Und wem beides zu weit ist, dem empfehlen wir dringendst, uns als „Pilger im Geiste“ auf unserer Tour zu begleiten (mehr dazu im nächsten Post)! Es gibt noch vieles zu entdecken – auf dem Weg und in Nikolausberg!

Nachträgliche Ergänzung:
Mittlerweile ist die Pilgerreise vorrüber und wir waren sicher und wohlbehalten in Nikolausberg angekommen. Hier berichten wir euch von unserer Ankunft und geben euch noch viele weitere Einblicke in die Zeugnisse der Wallfahrt. Außerdem sprachen wir mit den Vertretern der Gemeinde über die Tradition der Kinderbischöfe und nehmen euch virtuell mit auf einen Gang durch den Chor der Kirche, wie ihn auch ein mittelalterlicher Pilger erlebt haben könnte.


[1] Hier möchte ich gerne dazu sagen, dass diese Erklärung sehr vereinfacht ist. Die mittelalterliche Frömmigkeit, das Sünden-, Reue- und Bußsystem, und auch die Vorstellung von jenseitiger Gnade und Buße sind sehr viel komplexer als hier kurz zusammenfassend dargestellt – und gerade für uns moderne Menschen, in deren Leben Religion und Glaube eine sehr viel geringere Rolle spielen, oft nur sehr schwer zu begreifen. Diese Hintergründe zu verstehen, ist essentiell, um das mittelalterliche Bedürfnis nach Absicherung des Seelenheils zu begreifen. Das soll aber nicht Thema dieses Blogposts sein.

[2] Hildegard Krösche, Weende, in: Nds. Klosterbuch 3, hg. von Josef Dolle u.a., Bielefeld 2012, S. 1498-1505.

[3] Zum heiligen Nikolaus und der Verbreitung des Kults vgl. https://www.heiligenlexikon.de/BiographienN/Nikolaus_von_Myra.htm

[4] Die Wallfahrt auf den Nikolausberg bei Göttingen, in: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 114 (2016), S. 101-134, S. 102.

[5] Der Reliquienkult basiert auf der Vorstellung, dass den sterblichen Überresten eines Heiligen oder Gegenständen aus seinem Besitz noch ein Teil seiner heiligen Kräfte innewohnt. Solche Reliquien fanden sich in jeder mittelalterlichen Kirche und werden noch heute in jeder katholischen Kirche bewahrt. Woraus genau die Nikolausberger Reliquien bestanden, ist ungewiss, aber legt die spätere Gründungslegende nahe, dass es sich um Knochen handelte. Mehr zum mittelalterlichen Reliquienkult in unseren Experteninterviews, die wir auf der Pilgerreise führen werden.

[6] Petke, a.a.O., S. 108.

[7] Petke, a.a.O., S. 106.

[8] Petke, a.a.O., S. 121.

[9] Petke, a.a.O., S. 121.

[10] Petke, a.a.O., S. 118.

[11] Petke, a.a.O., S. 123.

[12] Petke, a.a.O., S. 112-113.

[13] Petke, a.a.O., S. 126.