Die Wickelkerze – es werde Memling!

War das Mittelalter dunkel? Auch schon lange vor der Erfindung der Glühbirne gab es zahlreiche Möglichkeiten, Licht zu machen. Eine davon stellen wir euch hier vor.

Licht hat seit Menschengedenken eine ganz besondere Bedeutung. Der Tag ist die vorrangig aktive Zeit, die Sonne spendet Wärme, und das Feuer, als künstliche Lichtquelle, ist eines der ersten Kulturobjekte, das sowohl schützen als auch verletzten kann: Es macht kaltes Klima erträglich, bestimmte Nahrungsmittel erst zu solchen, es verlängert künstlich den Tag und bringt Licht in ansonsten dunkle Räume. Künstliches Licht hat den Menschen unabhängig(er) gemacht von Tag und Nacht, Sommer und Winter.

Neben seiner lebensnotwendigen Funktion hat Licht aber auch eine kulturelle Bedeutung. Diese ist schon lange vor dem Mittelalter an Religion und Kult gebunden. Die obersten Gottheiten vieler Religionen sind Sonnengötter, hinter Stonehenge wird ein Sonnenkalender vermutet und auch im Christentum, der vorherrschenden Religion im europäischen Mittelalter, spielt Licht eine zentrale Rolle: Am ersten Tag schuf Gott Tag und Nacht, der Altar in Kirchen steht im Osten Richtung Sonnenaufgang, zu Pfingsten standen den Aposteln Feuerzungen über den Köpfen, und an Ostern wird die Osterkerze entzündet.

Auch im Mittelalter waren Licht und Feuer wichtige Grundlage für das Leben der Menschen. Gerade in den Häusern, die erst ab dem Spätmittelalter, und dann immer noch selten, über Fensterscheiben verfügten, brauchte es künstliche Lichtquellen, wenn man mit dem Sonnenlicht nicht auch gleichzeitig Wind und Wetter im Haus haben wollte. Unerlässlich war natürlich das Herdfeuer, denn es spendete Wärme und man kochte darauf. Da es aber fest an den Herd gebunden war, konnte es nicht überall im Haus Licht spenden.

Während der Arbeit konnte man sich Kienspäne auch in den Mund Stecken, um die Hände frei zu haben. Die Halterungen aus meist Ton, die sich an diesem Gebrauch orientierten und ein Gesicht mit einem offenen Mund darstellten, wurden als Maulaffen (offenes Maul) bezeichnet. Abb.: Olaus Magnus Historia om de nordiska folken.

Daneben gab es Kienspäne und Talglichter. Kienspäne sind sehr harzhaltige Holzspäne, meistens aus Kiefer, die man an einem Ende anzünden und am anderen Ende festhalten oder in einen Halter stecken konnte (das sind die noch heute sprichwörtlich bekannten ‘Maulaffen’). Je nach Winkel brannte die Flamme heller oder dunkler, schneller oder weniger schnell. Kienspäne geben eine kleine, aber stete Flamme, rußen allerdings recht stark. Talglampen bestanden aus Talg, also Tierfett, das in Gefäße abgefüllt und mit einem Docht versehen oder selbst in Kerzenform gebracht wurde. Auch sie brennen recht rußig und tropfen stark.

Sehr viel eleganter war die Wachskerze, allerdings auch ungleich teurer und damit sehr viel seltener. Wachs wurde im Mittelalter aus den Waben der Bienen produziert. Die Qualität konnte wechseln, von sehr reinem, weißen Wachs, zu schlechterem gelben Wachs. Das beeinflusste natürlich auch den Preis. Obwohl Wachskerzen in Westeuropa sehr beliebt waren und ab der Zeit von Karl dem Großen verstärkt auf die Wachsproduktion im Reich gesetzt wurde, konnte sogar bis ins 14. Jahrhundert hinein nicht auf Wachsimport aus Osteuropa verzichtet werden. Wachs war in der Regel also ein begrenzter Rohstoff, was den Preis noch einmal erhöhte.

Wachskerzen begegneten vor allem in Kirchen, doch auch die Kirche konnte das nicht allein finanzieren. Daher stellten Wachsspenden eine beliebte Gabe von Gläubigen dar, die etwas für ihr Seelenheil tun wollten. Wachs selbst hat eine religiöse Bedeutung. Seit dem frühen Christentum symbolisierten die Biene und der Bienenstaat das irdische Paradies, eine Gesellschaft, in der jeder eine feste Funktion hat und diese zum Wohl der Allgemeinheit erfüllt. Das Wachs selbst symbolisierte Maria und das Licht der Wachskerzen Christus. Wachskerzen waren im Christentum hoch symbolisch aufgeladen und nur sie waren für die Eucharistiefeier zugelassen.

Daneben begegnen Wachskerzen auch im weltlichen Kontext (allerdings nie in so großer Zahl, wie es in ‘Mittelalter’-Filmen gerne dargestellt wird 😉 ). Ein solches Beispiel wollen wir euch hier gerne vorstellen: die Wickelkerze à la Hans Memling.

Wie zeigt man die Exklusivität eines Gegenstandes, der schon aus einem besonderen Material besteht? Man gibt ihm eine Form, die hervorsticht! Und genau das passiert bei der Wickelkerze. Der Begriff stammt übrigens von uns – in Ermangelung eines aussagekräftigen Quellenterminus.

Bei der Wickelkerze handelt es sich um eine sehr lange, sehr dünne ‘Endlos’-Kerze, die um sich selbst herum zu einem “Knäuel” gewunden wird. Wenn man sie anzündet, kann man sie abschnittsweise wieder abwickeln und erhält dadurch eine kleine stete Flamme mit langer Brenndauer, ideal beispielsweise als Leselicht, wie es auch oft auf Abbildungen zu sehen ist. Auch beim Gebet wird sie dargestellt, was noch einmal den hohen Wert dieser Kerzenform betont.

Es gibt sie in verschiedenen Formen: rund und breit wie Stumpenkerzen, flach und rechteckig wie ein Kissen, nach oben und unten ausladend, und in verschiedenen Farben. Sie ähnelt modernen Wachsstöcken (in Österreich und in der Schweiz als Wachsrodel bezeichnet), die heute nur noch selten, vor allem in katholischen Regionen, als Votivgaben anzutreffen sind. Auch diese werden noch immer aus Bienenwachs hergestellt.

Ausschnitt: Hans Memling, Mariä Verkündigung, um 1480 (Ganzansicht)

Besondere Beliebtheit genossen die Wickelkerzen beim Maler Hans Memling (* zwischen 1433 und 1440, † 1494), auf dessen Altarbild zu Mariä Verkündigung wir sie auch das erste Mal sahen. Sie ist dort in einem bürgerlichen, häuslichen Kontext dargestellt.

Damit passte die Kerze natürlich optimal in unsere stat loff-Darstellung! Das Problem ist, dass diese Kerzenform heute nicht mehr hergestellt wird; dementsprechend selten ist sie auch in Living History-Darstellungen vertreten. Uns blieb also nur Selbermachen.

Als Material nutzen wir Wachsstockschnüre, die man in der Tat noch so im Handel erwerben kann. Rekonstruktionsgrundlage waren diverse spätmittelalterliche Abbilungen, vor allem die Memling-Bilder. Es galt nun, die Wickeltechnik zu rekonstruieren. Das war gar nicht so einfach, denn trotz der detaillierten und häufig sehr naturalistischen Darstellungen der Spätgotik und Frührenaissance, waren die Maler bei den Kerzendarstellungen doch manchmal recht frei – was sie als Kerze präsentierten, ließ sich praktisch gar nicht nachbauen. Schlussendlich konnten wir eine Technik rekonstruieren, deren Ergebnis den Abbildungen äußerst nahe kommt. Wie wir es gemacht haben, ist schriftlich leider schwierig zu erklären, daher gibt es hier unser Video:

Weiterführende Literatur (Auswahl):

Chrzanovski, Laurent und Kaiser, Peter (Hrsg.): Dark ages? Licht im Mittelalter/ L’éclairage au Moyen Âge, Olten 2007 [LINK]

Stützel, Peter Heinz: Wachs als Rohstoff, Produkt und Handelsware. Hildebrand Veckinchusen und der Wachshandel im Hanseraum von 1399 bis 1421, univ. Diss, Würzburg 2013 [LINK]

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