Those boots are made for walking – mit Wendeschuhen auf Langstrecke

Häufig werden wir gefragt, ob diese Mittelalterschuhe, die wir in unserer Darstellung tragen, nicht unbequem wären, ob man damit nicht ständig Blasen bekäme oder ob die überhaupt eine längere Benutzung aushalten würden. Hin und wieder werden wir sogar gefragt, wie man damit überhaupt gehen solle, da sie ja keine Dämpfung haben, und ob das fehlende Fußbett nicht ungesund wäre. Das sind alles äußerst wichtige Fragen, die wir bisher nur bedingt beantworten konnten, da eine Wochenendveranstaltung am Museum, eine Belebung oder auch eine halbtägige Wanderung die Erfahrungen nur eingeschränkt vermitteln.
Auf einige dieser Punkte können wir jetzt besser antworten, denn unsere Pilgerreise wurde nicht nur wissenschaftlich unterstützt, bspw. in Form der Interviews (Reliquien, Weg, Wallfahrt), sondern auch in Form von Ausrüstung. Genauer gesagt: Stefan Schneidewind von “Maßwerk – Historische Schuhe” stellte für uns jeweils ein Paar Schuhe her, die wir auf der Wanderung auf Herz und Nieren testen durften.

Daher möchten wir euch hier jetzt zumindest folgende Fragen beantworten:
1. Was trug ein Pilger eigentlich an den Füßen?
2. Was trugen wir auf unserer Reise?
3. Wie haben wir uns und unsere Schuhe vorbereitet?
4. Auf was für Böden bewegten wir uns?
5. Wie bewegten wir uns?
6. Wie war die Abnutzung und die generelle Lauferfahrung?

Was braucht der Pilger eigentlich an den Füßen?

St. Jakobus, mit den typischen
Pilgerinsignien, aber ohne Schuhe. Aus dem Stundenbuch des William Porter, um 1420

Schaut man auf die Abbildungen von Pilgern, stößt man direkt auf ein Problem:
Zahlreiche Darstellungen von Pilgern zeigen diese in vollkommen verschlissenen Schuhen, die mehr Fuß als Leder zeigen, oder laufen gar barfuß. Das heißt dennoch nicht, dass Pilger mit minderwertigen Schuhen oder ohne Schuhe auf den Weg gingen, sondern begründet sich darin, dass häufig heilige Pilger gezeigt werden (die dann barfuß dargestellt werden) oder wirklich ganz arme, bedürftige Pilger (die kaum noch Schuh an den Füßen haben und neue brauchen).

Wie man sieht, sind die abgebildeten Schuhe gerne mal sehr abgenutzt. Aber gleichzeitig erkennt man, dass es hohe Schuhe sind. “Le Livre des faiz monseigneur saint Loys”, um 1450

Und genau dies ist ein gutes Stichwort: neue Schuhe! Wir haben heute viele schriftliche Quellen überliefert, dass bspw. Bürger durchreisenden Pilgern neue Schuhe finanzierten, als eine Art gute Gabe. Und auch das Lied “Wer daz elend bauen wil” nennt ausdrücklich, dass man zwei paar Schuhe mit auf den Weg nehmen soll. Also Schuhe, und zwar inktakte, sind definitiv für einen Pilger notwendig.
Und wie man als Moderni aus eigener Wandererfahrung vermutet, überwiegen in den Darstellungen die Schuhmodelle, die über die Knöchel gehen. Man sieht zwar vereinzelt höhere Stiefel bis zum Knie oder nur kurze Halbschuhe, aber bis kurz über den Knöchel, sieht man am häufigsten.

© Stefan Schneidewind

Infolgedessen war die Wahl schnell getroffen: Philipp suchte sich die halbhohen Stiefel nach Fund aus Konstanz aus (Link) und Mai-Britt entschied sich für das Modell aus Dordrecht, ebenfalls halbhohe Stiefel (Link). Stefan fertigte sie uns beide jeweils mit Keder (das ist ein umlaufendes Lederstück zwischen Oberleder und Sohle, das zum einen noch bisschen abdichtet, das sich nach unten biegende Oberleder bei Bodenkontakt schützt und an das man eine zusätzliche Sohle anbringen kann), damit wir – auch wenn wir sie auf der Wanderung zerstören sollten – auch eine gute Chance haben, sie retten zu können und nach der Wanderung auch noch was von ihnen zu haben. Wir entschieden uns aber gegen eine von Vorherein aufgedoppelte Sohle; es blieb bei der einfachen Sohle von 6mm Stärke. Wir nahmen also bei uns gegenseitig Maß, schickten es an Stefan und die Vorfreude begann.

Wir haben beide beim Abmessen bereits eingeplant, wie wir die Schuhe tragen wollen. Philipp zog die mittelalterliche Hose an, die er auch beim Wandern tragen würde, damit die Stoffdicke mit eingeplant ist, und Mai-Britt vermaß ihre Füße mit Socken und ihren modernen Einlagen, damit die auch Platz im Schuh haben werden. Das Oberleder wurde sogar – man sieht es auf dem oberen Bild beim Schuh oben rechts sehr gut – wie bei mehreren historischen Vorbildern gestückelt!

Die Vorbereitung – die ersten Schritte

Philipps erste Probewanderung. 1. Die Sohle nach den ersten 50m, 2. und 3. Beispiele des Wegs, 4. Die Sohle nach ca. 4km. Der Boden war ziemlich trocken.
Mai-Britts erste Probewanderung, ca 5-6km. Wie man sieht, war der Boden auf dieser Tour etwas feuchter.

Wie für jedes neue Paar Schuhe, besonders Wanderschuhe, nahmen wir uns die Zeit, sie passend vorzubereiten und wenig einzulaufen. Wir ölten die Sohlen, trugen Wachs auf und polierten es ins Leder und suchten uns Routen mit passenden Wegen und los ging es. Jede/r von uns lief für sich ca. 10km mit den Schuhen und im Anschluss trafen wir uns für eine Generalprobe mit der gesamten Ausrüstung und gingen noch mal um die 5km zusammen durch den Wald über bequemen Feldweg und Waldboden. Es lief hervorragend. Alle Nähte hielten, die Schuhe wurden noch bequemer und die Motivation stieg. Und man sah nun auch endlich, dass die Schuhe nicht frisch aus dem Regal stammen, sondern auch benutzt werden. Philipp entschied sich nach den Probewanderungen aber dafür, seine Schuhe etwas anders zu schnüren, da ihm ein etwas engerer Schaft doch lieber ist vom Gefühl her. (Also daher bei den Photos nicht zu sehr wundern.)

Die Route

Wie schon in unserem Blogbeitrag über die Wegführung beschrieben, suchten wir uns den Weg danach aus, dass wir viel weichen Boden und wenig Asphalt und Schotter hatten. Bergetappen wichen wir auch nach Möglichkeit aus. Unter insgesamt 11km Asphalt und 11km Kies konnten wir die Planung jedoch nicht bringen.

Der ursprüngliche Plan, der dann “on the fly” ein paar Anpassungen bekam, bspw die Bergetappe von Tag 2 wurde abgeschwächt, indem wir einen Alternativweg an der Seite des Berges nahmen.

Los geht’s!

Die Wanderung ging also los. Als Ersatz für den Notfall hatten wir jeder ein paar andere Mittelalterschuhe dabei, die wir schon stark eingelaufen hatten und etliche Kilometer Erfahrungin ihnen. Einerseits schrieb uns unsere Packliste das vor, und andererseits: “man weiß ja nie”.

Wie unsere Wege genau verliefen an den drei Tagen und auch einen bildlichen Eindruck findet ihr in den einzelnen Blogeinträgen zu den Tagesetappen Hildesheim-Lamspringe, Lamspringe-Wiebrechtshausen und Wiebrechtshausen-Nikolausberg und als kleine Galerie beim Experteninterview zur Mobilität im Mittelalter.


Und nun zu dem, was euch wahrscheinlich am meisten interessiert: die verschiedenen Untergründe und unsere Erfahrungen damit:

  • Asphalt
    • Auf Asphalt, dem mit Abstand modernsten Untergrund, den wir antrafen, kam man zwar sehr effizient voran, aber mit deutlichen Einbußen. Er ist auch der härteste Boden, und jede Dämpfung muss über das Abrollen stattfinden. Tut man das nicht, spürt man das sehr schnell. Zudem spürt man jeden Kiesel, der auf diesem perfekten Untergrund liegt. Bisweilen kann Asphalt in Kombination mit Ledersohlen auch sehr glatt sein, und besonders bei Steigungen eine Gefahr darstellen. Bergauf ist das noch halbwegs ok, aber sobald man bergab bei jedem Schritt bremsen muss, ist ein Ausrutscher gefährlich. Manchmal ist es wie auf Eis.
      Hat der Schuh aber ausreichend Grip, bremst die Sohle bei jedem Schritt auf dem Punkt, was zu einer starken Bewegung des Fußes im Schuh führt. Blasengefahr! Jedes Gleiten der Sohle über den Boden ist zudem wie Schleifpapier und nutzt ab.
  • Betonplatte
    • Einige der Wirtschaftswege waren mit Betonplatten ausgelegt. Sie verhalten sich ähnlich wie Asphalt, aber sind rauer. Man rutscht nicht aus, aber der Schleifeffekt ist gefühlt höher.

Auf der Zielgeraden hatten wir Begleiter. Sie hatten modernes Schuhwerk und “frische Füße”, aber dennoch merkte man keinen großen Geschwindigkeitsunterschied.
  • Kies/Schotter
    • Was man heute mit am häufigsten antrifft außerhalb von Ortschaften sind Wege aus Kies oder Schotter. Sie sind im modernen Kontext schnell und einfach hergestellt, sind stabil und wasserdurchlässig. Ist man aber auf dünnen Ledersohlen unterwegs, spürt man schnell jeden einzelnen Stein. Mit der Zeit sorgt diese punktuelle Belastung auch schneller für eine Überreizung der Fußunterseite. Sie haben aber den Vorteil, dass der Untergrund ein bisschen beweglich ist, was die Bremsung bei jedem Schritt vom Gefühl her für den Schuh etwas weniger schleifend gestaltet, wenn gleichzeitig aber auch die Kanten für das Leder weniger schonend sind.
  • Pflaster
    • Altstädte und Bürgersteige sind heute oft gepflastert. Die üblichen Pflastersteine von Bürgersteigen verhalten sich ähnlich wie die Betonplatten, während die runden und glatten Pflastersteine der Altstädte viel freundlicher sind zu den Füßen. Zwar können sie glatt sein, aber die unregelmäßige Form ist, im Vergleich zu den vorgenannten Arten, Balsam für die Sohle, sowoh Schuh- als auch Fuß-! Bedingt durch die Form geht man viel vorsichtiger, passt besser auf den Tritt auf, rollt bewusster ab. Man sucht sich fast intuitiv die Steine und Winkel, die bequem sind. Man ist dadurch jedoch wieder langsamer.
Auch durch diesen Matsch mussten wir, aber die Schuhe blieben dicht!

  • Erdboden und Grasnarbe
    • Die angenehmsten Böden waren aber die naturbelassenen Untergründe: leicht verdichteter Erdboden, die Grasnarbe der Wiese oder des Wegrands, oder auch der leicht beblätterte Waldboden. Sie sind relativ weich und dämpfen beim Gehen mit, sie zeigen keinen größeren Abrieb an der Sohle, und je nach Feuchtigkeit passt sich der Boden sogar dem Fuß noch weiter an, manchmal kühlt es sogar bisschen durch die Sohle. Man ist zwar langsamer unterwegs, aber es schont Schuh, Fuß und Gelenke.
      Je nach Erdboden und Verdichtung muss man aber aufpassen, dass man nicht auf vereinzelte Steine tritt, da diese doch dann sehr weh tun können.

Exkurs: Laufen in Wendeschuhen

Wendeschuhe sind schon definitiv etwas besonderes. Die Schuhe sind unheimlich flexibel – immerhin bestehen sie nur aus dünnem Leder oben und etwas dickerem Leder unten, und sie haben keine Versteifungen oder krasse Formpressung wie moderne Schuhe. Die markantesten Unterschiede sind aber die fehlende Dämpfung und der fehlende Absatz. Das erfordert ein anderes Gehen, man muss sich dem Schuh anpassen.
[Wichtig! Im Folgenden wird ein Erfahrungswert berichtet. Wir sind keine Mediziner, keine Orthopäden oder sonstwelche Fachleute für das Thema Schuhe/Gehen. Für gesundheitliche Schäden übernehmen wir keine Haftung. Was im Folgenden Abschnitt steht, funktioniert für uns, heißt aber nicht, dass es für jeden so ist, und auch nicht, dass es die gesündeste Methode ist.]
Immer wieder liest man von einem inteniven Ballengang, der in mittelalterlichen Schuhwerk zwingend notwendig wäre. Manche sagen, dass man sogar bei jedem Schritt erst mit dem Ballen “tasten” würde, um dann erst danach mit der Ferse aufzusetzen. Durch unsere mehrtägige Wanderung versprach ich, Philipp, mir neben vielen anderen Sachen, in diese Debatte einen besseren Einblick zu bekommen.
Zu meinen Füßen: als Kind hatte ich Einlagen wegen Plattfüßen, aber seitdem sind meine Füße ziemlich unproblematisch. Ich habe keine Probleme, sie sehen für mein Laienauge gut aus, aber vielleicht findet ein Experte trotzdem 1-2 Dinge, die nicht aus dem Lehrbuch sind. Seit bestimmt 15 Jahren trage ich auch regelmäßig die allseits beliebten Chucks, also Schuhe ohne stark ausgeprägtes Fußbett und ohne Absatz, aber mit weichem, dämpfenden Innenleben. Ich habe mehrere Varianten zu gehen ausprobiert auf dem Weg, und ich muss sagen, dass der Fersengang auf ebener Strecke durchgängig der bequemste und effektivste Gang war. Der größte Unterschied zum “normalen Alltag” war, dass ich zum einen etwas stärker abgerollt habe, und – gegen Ende der Etappen, wenn die Füße schmerzten – ich relativ plattfüßig auftrat, anstatt ordentlich abzurollen. Bei Strecken bergauf ändert sich das natürlich je nach Steigung immer weiter zum Ballengang, aber das ist auch in modernem Schuhwerk so. Ein “Problem” stellten Etappen dar, die bergab gingen. Ohne ein etwas besser den Fuß im Schuh fixierendes Fußbett ist die Gefahr des Rutschens im Schuh größer – so jedenfalls mein Gefühl – und ich glaube, dass auch genau daher meine Blasen kamen. Bergab geht man sehr stark auf den Ballen. Hier war der Pilgerstab eine sinnvolle Ergänzung, weil man sich mit ihm nach vorne abstützen kann und die Gewichtsbelastung damit abfängt, weniger im Schuh rutscht und den Ballen weniger belastet. Zum Pilgerstab und seinen Einsatzmöglichkeiten gibt es demnächst einen gesonderten Artikel, in dem alles gebündelt zu finden sein wird.
Auf einer kurzen Strecke probierte ich auch schnelleres Laufen aus. Hier war der größte Unterschied. Während moderne Joggingschuhe noch bis zu einer recht hohen Geschwindigkeit den Schock an der Ferse ausreichend abdämpfen und man lange beim abrollenden Fersengang bleiben kann, ist das bei Wendeschuhen unmöglich und man muss viel früher dazu übergehen, nur auf den Ballen zu laufen. Man verwendet also früh den federnden Lauf, den man u.a. von Sprintern kennt, bei denen man nur mit Ballen und Zehen aufkommt. Wenn man das bedenkt und darauf achtet, nicht auf einzelne spitze Steine zu treten, ist hier auch gut was möglich. Einen vergleichenden Test werde ich vielleicht auch noch mal machen.
Aber alles in allem eine Einschränkung oder eine starke Anpassung des Gehens habe ich nicht bemerkt oder für notwendig empfunden. Auf modernen Untergründen sind Wendeschuhe bisweilen unbequem, aber auf natürlichem Boden sind sie mit die bequemsten Schuhe, die ich kenne – vielleicht weil sie nur eine dünne Schutzschicht unter dem Fuß sind und kein groß spürbarer Schuh. Sie hatten auch keinen zu großen Einfluss auf meine Kondition. Meine Füße waren insgesamt nur von den durchschnittlich 45.000 Schritt entsprechend belastet. Das einzige Problem stellten die Blasen dar. Bei der ganzen Thematik bin ich offen für einen Austausch und würde mich sogar darüber freuen!

Unsere Erfahrung und die Abnutzung

Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh’ 😉
Mai-Britt während der Pause unserer gemeinsamen Probewanderung mit der kompletten Ausstattung.

So viel der Worte über den Weg, die Böden, die Schmerzen und auch die Theorie des Laufens. Dann wird es jetzt auch Zeit, mehr zu den Schuhen zu sagen.
Wie gesagt handelt es sich bei unseren Schuhen, die wir die gesamte Strecke trugen, um wendegenähte Schuhe. Sie bestehen (so fern ich es richtig messe) aus 2mm Oberleder und 6mm Sohlenleder und sind auf Maß gefertigt. Die Sohle ist etwas dicker als von den Mittelalterschuhen, die ich sonst bisher in der Hand hatte, aber trotzdem nicht “klobiger” oder unflexibler/unbequemer. Besonders auf einer Wanderung gibt einem das sogar noch etwas mehr Sicherheit, zumindest im Mindset. Wie viele Kilometer man damit mehr schafft, können wir bisher nicht sagen, da sie noch 1A in Schuss sind. Auch der Keder hat sogar eine weitere Funktion unter Beweis gestellt: Tritt man mit der Ferse auf, kommen nur Sohle und Keder auf den Boden auf, nicht das Oberleder. Rollt man mit den Zehen ab, rollt man über Sohle und Keder. Das Oberleder wird vor Abrieb geschützt.

“gerade war der Weg noch da… wo kommt der Bach her?”

Vor der Wanderung haben wir die Sohlen ausgiebig geölt und das Oberleder gründlich gewachst, besonders an den Nähten. Wir wussten nicht, wie das Wetter werden wird und wie die Strecke beschaffen sein wird. Und das war gut so, denn wir hatten zwar keinen Regen, aber manche Böden waren relativ schlammig. Die Schuhe hielten aber dicht. Ein wirklicher Belastungstest für Feuchtigkeit war das aber trotzdem nicht, da es sich auf “sehr weicher Boden, in dem man spürbar einsinkt” begrenzte. Vielleicht kommt das aber ja bei einer der nächsten Gewandwanderungen von Scotelingo. Bei den Wanderungen hat es bisher hin und wieder geregnet. Es bleibt also spannend!

1. Auf der Probewanderung; 2. nach 100km; 3. nach 100km und Putzen und Pflegen

Wie haben sich die Schuhe nach den 100km so verändert? Wie man auf dem Bild rechts sieht, hat sich eigentlich nicht viel getan. Die farbliche Abweichung beruht hauptsächlich auf dem unterschiedlichen Licht, aber sie haben durch die Feuchtigkeit vom Boden und Schweiß und das jetzt mehrfache Wachsen ein wenig nachgedunkelt, so jedefalls mein persönliches Gefühl. Sie sind weicher geworden und dadurch auch bequemer. Sie sind, wenn man es überspitzt beschreiben will, jetzt eingelaufen und bereit für mehr.

links direkt nach der Wanderung und nur den Dreck abgeklopft, rechts gereinigt und ganz frisch geölt

Die größte Entwicklung hat die Sohle mitgemacht. Entgegen der Vermutung und dem Klischee aber nicht im Sinn von “abgenutzt” und “kaputt”, sondern vielmehr in er Formgebung. Die Sohle – zumindest bei Philipp – hat sich sehr stark an die Fußform angepasst. War sie vorher noch recht gerade, ist sie jetzt in alle Richtungen gebogen. An der Ferse und an den Zehen geht das Leder jetzt leicht nach oben, genau so auch an den Seiten. Am auffälligsten ist die Biegung der Sohle entlang des Längsgewölbes. Während das Leder die deutlichste Abnutzung an der Ferse, am Ballen und an der großen Zehe hat, ist der Außenspann kaum abgenutzt und am Innenspann ist das Leder sogar so gut wie unberührt. Wer regelmäßig auf Stefans Facebookseite vorbeischaut, sieht hin und wieder Photos von Originalsohlen, die eine ähnliche Schwerpunktsetzung in der Abnutzung aufweisen.

Und so sehen Philipps Schuhe jetzt aus, nachdem das Sohlenöl auch komplett eingezogen und getrocknet ist. Man erkennt sogar ein bisschen die geringere Belastung der Sohle zwischen Zehen und Ballen. Da man stellenweise noch die Poren der Haut erkennen kann – zumindest bilde ich es mir ein – würde ich behaupten, dass die Abnutzung sehr gering war, trotz geschätzt 30km Asphalt und 10km Schotter auf unserer 100km Tour. Da die Kanten sich nach oben gebogen haben entlang der Fußform, kann ich leider nicht zuverlässig mit dem mir zur Verfügung stehenden Werkzeug die verbleibende Lederdicke messen. Da aber nicht nur Abrieb, sondern auch Verdichtung auftreten dürfte, wäre der Wert auch nicht repräsentativ zur Abnutzung. Ich persönlich hatte dennoch eigentlich mit stärkerer Abnutzung gerechnet.

Die Abnutzung der Sohlenunterseite ist viel gleichmäßiger, und es gibt auch keine Biegung der Sohle entlang des Längsgewölbes.

Doch wieso wird die ganze Zeit betont, dass es sich um Philipps Schuhe handelt?
Aus einem ganz einfachen Grund: Wir haben zwar beide mit fast den gleichen mittelalterlichen Schuhen die selbe Strecke zurückgelegt, aber an Mai-Britts Schuhen sind die Abnutzungsspuren etwas anders, da sie moderne Einlagen in ihren Schuhen trug. Das war, da die Schuhe beim Maßnehmen schon so konzipiert wurden, kein Problem. Dies führt jedoch dazu, dass es eine Struktur im Schuh gibt, die wie ein Fußbett wirkt und die Beanspruchung der Sohle beeinflusst. Es ist weiterhin ein Belastungstest für Material und Verarbeitung, jedoch ein wenig anders und – so unsere Einschätzung – individueller auf den Schuh- und Einlagennutzer. Eine weiterer Unterschied zwischen Wendeschuhen mit und ohne Einlagen ist die Dämpfung, da die Einlage hier ebenfalls einen Einfluss hat. Da die Einlage auch an der Ferse etwas um diese herum nach oben geht, konnte Mai-Britt ein bisschen besser abrollen als Philipp. Der Fuß wird von der Einlage in eine Form gedrückt, die nicht der eigentlich natürlichen Form entspricht, und diese Belastung aus Kombination “Barfußschuh” und Einlage führte bei Mai-Britt irgendwann zu Schmerzen.

Bis unsere Pilgerschuhe aussehen wie auf den Altarbildern, werden wir noch etliche Kilometer mit ihnen zurücklegen können. Zumindest längere Strecken werden wir wahrscheinlich weiterhin notieren, damit wir eine in-etwa Zahl haben, sobald die Schuhe eines Tages zur Reparatur müssen. Das wird aber noch dauern…

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