Von Malern, Ostseestädten und einem Totentanz: Das Bild eines ‘Lebensgefühls’

Pünktlich zum Wochenende kommt hier eine Leseempfehlung:

Renate Krüger, Türme am Horizont. Ein Notke-Roman, 1982 (vermutlich nur noch antiquarisch zu bekommen, seit 2014 aber auch als E-Book verfügbar).

Diese Woche hat in England auch endlich der Sommer Einzug gehalten und daher habe ich gestern den ganzen Nachmittag im Freibad verbracht. Meine Beschäftigung: ein historischer Roman. Zugegeben, ich bin kein großer Fan von historischen Romanen, aber der hat mich doch in vielerlei Hinsicht beeindruckt. Ich habe seit langem kein (nicht-wissenschaftliches) Buch mehr an einem Tag durchgelesen!

Der Roman spielt entlang der Ostseeküste im 15. Jahrhundert. Protagonist ist der fiktive Henning Schnytker aus Wismar, Malergeselle, der, gerade von seinen Wanderjahren heimgekehrt, feststellen muss, dass sein Vater verstorben ist. Sein Ziel ist nun, möglichst schnell in die Zunft aufgenommen zu werden, um die Werkstatt und den Meistertitel des Vaters übernehmen zu können. Sein Plan wird allerdings durchkreuzt, als kurz darauf Bernt Notke – dieser ist tatsächlich eine historische Person, nämlich der wohl berühmteste Maler des Hanseraums (um 1435-1509) – in seiner Werkstatt auftaucht und ihn als Geselle mit nach Lübeck nehmen möchte. Gut ein halbes Menschenleben später findet Henning Schnytker sich in einem Verlies in Reval wieder und berichtet dort von seinen Erlebnissen mit Notke, seinen Reisen durch viele Hansestädte entlang der Ostseeküste und von dem Totentanz, der ihn noch immer verfolgt.

Ja, es ist ein Lübeck-Buch, und ja, man muss sich fragen, ob jemand, der zu Lübeck im späten 15. Jahrhundert promoviert, nicht irgendwann die Nase voll hat und sich auch noch in seiner Freizeit mit dem Thema befassen muss. Da habt ihr vermutlich Recht!

Doch dieses Buch war es wirklich wert. Krüger (+ 2016), die selbst studierte Kunsthistorikerin und Archäologin war und in Schwerin (also nicht allzu weit vom Setting entfernt) lebte, bietet in ihrem Roman eine historisch sehr akkurat recherchierte Geschichte. Und glaubt mir, es mag etwas heißen, wenn ich das sage, denn ich kann sehr ungnädig sein, wenn schlampig recherchiert und mit Klischees und Halbwahrheiten um sich geworfen wird (und ich glaube, ich bin mittlerweile tief genug im Thema drin, um das ganz gut beurteilen zu können 😉). Geschickt lässt sie zahlreiche Kunstwerke Notkes und anderer spätmittelalterlicher Meister in die Erzählung einfließen, beleuchtet das Verhältnis von Notke und Hermen Rode, und zeigt erstaunliche Ortskenntnis der Städte, die sie beschreibt. Mein persönliches Highlight: Es taucht sogar einer meiner Buchdrucker auf, Steffen Arndes, der bei Notke die Holzschnitte für seine berühmte Lübecker Bibel in Auftrag gibt (auch wenn der aktuelle Forschungsstand das mittlerweile anzweifelt)… Dies sind allerdings Fakten, die sich jeder mit ein bis zwei Büchern über Notke hätte anlesen können.

Besonders beeindruckt hat mich hingegen das Hintergrundwissen zu den kulturhistorischen und mentalitätshistorischen Voraussetzungen der Zeit. Die Autorin zeichnet mit dem jungen Henning Schnytker einen Charakter, der begleitet ist von einer Angst vor dem Tod und um das eigene Seelenheil, die bezeichnend gewesen sein muss für das ausgehende 15. Jahrhundert.[1] Der ältere Henning Schnytker, immer noch verfolgt von dieser Angst, sieht sich gefangen in einer Welt des Umschwungs, in der er selbst nicht recht weiß, wo sein Platz ist: Die Hanse zerbricht, alte Werte gehen verloren, die Renaissance läuft dem spätgotischen Stil den Rang ab und zerstört die Lebensgrundlage des Malers, und der Katholizismus und seine Heiligen werden vom gerade aufgekommenen Neuen Glauben Luthers verdrängt, sodass Schnytker selbst nicht mehr weiß, woran er glauben soll, darf und kann. Selten hat ein historischer Roman für mich so gut das Lebensgefühl einer Generation eingefangen, einer Generation am Umbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit.

Obwohl die Handlung des Romans in der zweiten Hälfte stark abbaut, und dort einige krause Stellen auftauchen, bei denen ich nicht sicher war, in welche Richtung die Autorin ihren Leser führen wollte, gibt es gerade aus den oben genannten Gründen von mir eine klare Leseempfehlung! Und zwar nicht nur für Lübeck-Fans 😉


[1] Ich lege hier mal diesen Band ans Herz: GROSSE, Sven: Heilsungewißheit und Scrupulositas im späten Mittelalter. Studien zu Johannes Gerson und Gattungen der Frömmigkeitstheologie seiner Zeit. Zugl.: Univ. Erlangen-Nürnberg, Diss., Tübingen 1994 (Beiträge zur historischen Theologie 85). Allgemein dazu auch zahlreiche Beiträge von Christoph Burger und Berndt Hamm.

Review: Handbook for Men’s Clothing of the Late 15th Century – Da isser! Ein Zipfel Norden!

Anna Malmborg/Willhelm Schütz, A Handbook for Men’s Clothing of the Late 15th Century, Furulund 2018 (Historical Clothing from the Inside out). [aus Schweden bestellt, 175kr + Versand, also um die 23€]

Zeitgleich mit “A Handbook for Women’s Clothing of the late 15th century”, welches bereits von uns rezensiert wurde, erschien auch in derselben Reihe und auch vom gleichen Autorenpaar „A Handbook for Men’s Clothing of the late 15th century“. Die Autoren sind zwei, die Bücher sind zwei, wir sind zwei. Passt! Also wie versprochen, gibt es von uns auch zum zweiten Buch ein Review.

Wie schon in der Rezension zum Band über die Frauenkleidung beschrieben, genießt das 15. Jahrhundert, und besonders die zweite Hälfte, in der Living History Szene eine sehr große und wachsende Beliebtheit. Gründe hierfür liegen wahrscheinlich nicht zuletzt in der guten Quellenlage: wir haben bspw. verstärkt Textquellen überliefert, die uns Aufschluss geben zu der Materialität, Anleitungen für Nestelbänder, Testamente aus der bürgerlichen Schicht etc., und auch die Bilder werden immer detaillierter und naturalistischer, und auch die erhaltenen Originale sind relativ zahlreich und recht weit gefächert, so gibt sogar aus Lengberg in Österreich Funde von Unterwäsche aus dem 15. Jahrhundert! Österreich… genau das passende Stichwort: Süden! Der Norden, also Norddeutschland und Skandinavien, wird sowohl in der Forschung als auch in der Living History Szene weniger stark behandelt.

Der Klappentext verspricht, dass dieses Werk ein „tool for understanding the clothes, materials and tailoring of Northern Europe” sei und nennt sich ein „in-depth volume“. Es möchte also ebenfalls wie sein Schwesternwerk genau die schon genannte Lücke schließen.

Die Aufmachung des Buches entspricht der des Bandes über die Frauenkleidung: auf 48 reich bebilderten Seiten in Form eines Softcover Buches gibt es einen Abriss der Männerkleidung für das späte 15. Jahrhundert für Nordeuropa.

Der erste Abschnitt („The Period“, S. 6–15) widmet sich ebenfalls dem geschichtlichen Kontext, den Farbe, den Stoffen und den Nähtechniken, und es wird – was ich für besonders wichtig erachte – auf (leider nur, aber immerhin) einer Seite auf ein zeitgenössisches Ästhetikgefühl hin sensibilisiert, welches sich in mehreren Kleidungsstücken wiederfinden lassen soll und deren Look beherrscht. Ebenfalls wird darauf eingegangen, dass es drei grundlegende Modebewegungen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gab: Burgundisch, Italienisch und Deutsch. Die Unterschiede werden nicht beschrieben.
Der zweite Abschnitt („A Wardrobe“, S. 18–39) geht ebenfalls von der Unterwäsche in jeder Wäschelage anhand von ein 1–3 Beispielen bis nach außen zum Hut und Umhang und den Schuhen. Die Beispiele sind meist durch die Abbildungen oder im Text beschriebene Merkmale in, ich nenne sie mal „Economy“, „Business“ und „First Class“ unterteilt, und ergeben somit einen gewissen Variantenreichtum. Jedes Kleidungsstück wird über in der Regel zwei zeitgenössische Abbildungen „belegt“ und im Anschluss modern nachgezeichnet dargestellt – einmal an der schon aus dem Band zur Frauenkleidung bekannten „Anziehpuppe“ und einmal als „Idee eines Schnittmusters“.
Der dritte Abschnitt („Accessories“, S. 40–45) behandelt in aller Kürze und nur als ganz grober Überblick die Nestelbänder, Gürtel, Taschen, Schmuck und Frisuren.
Das Ende des Buches, wie sollte es auch anders sein, machen das Abbildungsverzeichnis und Literaturhinweise.

Und genau hier setzt auch schon meine Kritik an: Es gibt kein klassisches Literaturverzeichnis, keine Fußnoten, keinen Hinweis, wo die Informationen, die im Text stehen und nicht aus den Bildquellen hervorgehen („The shirt served to protect the finer woolen garment, and could be changed and washed more frequently“, S.22, oder „Most garments were sewn with linen thread“, S. 14) herkommen. Ebenfalls wird häufig über Informationen gesprochen, die einen Einblick in eine Großzahl an Bildern verlangt, aber nur mit einem einzigen gezeigten Bild belegt wird, wenn überhaupt! („Despite a few depictions of men wearing blue or black braies, the most common material by far was bleached linen.”, S. 20, und auf der Doppelseite werden drei Abbildungen von Unterhosen gezeigt, alle weiß.) Dieses „Belegen nur durch Bild“ zieht sich durch das gesamte Buch – und was sehr gravierend ist in meinen Augen: Originale werden nicht hinzugezogen! Jedes Kleidungsstück wird über meist zwei Bilder belegt, die aber ohne Kontext gezeigt werden, und ob der Beleg gerade durch ein süddeutsches Bild stattfindet (neben den 19 Gemäldebelegen aus dem Norden lassen sich auch 10 süddeutsche im Abbildungsverzeichnis ausmachen) ist erst durch einen Blick ins Verzeichnis zu erkennen. So sind beide Abbildungen für den Umhang süddeutsch, obwohl es durchaus norddeutsche Abbildungen für genau solche hüft- bis oberschenkellange Halbkreisumhänge gibt. Es ist wahrscheinlich dem angestrebten Seitenumfang des Buchs zu verschulden, dass jegliche Hinweise, was überhaupt an der dargestellten Mode jetzt das Deutsche ist, fehlen, obwohl die deutsche Mode, wie eingangs auf S.8 in den Raum gestellt, im Kontrast zum Burgundischen und Italienischen stehen soll. Die Gemäldeabbildungen sind aber (bis auf zwei Unterhosen, ein Hut und eine Frisur, die alle vier italienisch sind) durchgehend deutsch oder niederländisch, entsprechen also dem vom Buch versprochenen. Wie auch im Band zur Frauenkleidung, besteht der Schmuck, der mittels Photos von Rekonstruktionen gezeigt wird, durchgehend aus Zinn, obwohl die Gemäldeabbildungen Gold zeigen und auch der Text als andere Materialien Bronze, Silber und Gold erwähnt. Der Begriff „turnshoe“ wird nur in der Einleitung erwähnt (S. 18) und es wird auf die Besonderheit des Wendeschuhs im Gegensatz zum sonst allgemein bekannten modernen Schuh auch auf der Doppelseite zu den Schuhen (S. 38f.) nicht eingegangen. Trippen aus Holz werden erwähnt, aber nicht gezeigt. Die im späten 15. Jahrhundert häufig anzutreffenden Schuhe mit einer Schnalle werden erwähnt, aber ebenfalls nicht gezeigt. Die Abbildungen der Schuhe beschränken sich nur auf zwei Photos von Rekonstruktionen und auf die modernen Schemazeichnungen von der „Anziehpuppe“. Die Ärmelkonstruktion über den Grande-Assiette-Schnitt findet weder im Bild noch im Text Erwähnung – ist aber aufgrund der verwendeten Abbildung auch nicht notwendig. Grande-Assiette war aber dennoch häufig in Gebrauch und würde meines Erachtens mit in ein solches Handbuch gehören. Richtige Schnittmuster werden aber eh nicht zugegeben, sondern nur grobe Konstruktionsvorschläge – die einem aber durchaus bei der Herstellung eines eigenen Schnittmusters weiterhelfen! Leider sind die Konstruktionsvorschläge ausgerechnet bei den fixierten Falten am Oberteil (Gown, S: 28–31) nicht hilfreich, jedenfalls für mich nicht verständlich.

Das Buch ist definitiv nicht für sich alleinstehend ausreichend zu betrachten und es bedarf mehr Recherche als das Buch allein präsentiert. Es gibt keinen Hinweis, wie die erwähnten Nestelbänder hergestellt werden (außer, dass sie per Finger-Loop gemacht werden können, zu dem es aber kein Schema dazugegeben gibt), es gibt keinen Hinweis, wie Gürtel aussehen können, abgesehen von einer einzigen gezeigten Zinn-Gürtelschnalle als Reproduktion, Knöpfe werden als Verschluss genannt, aber nie gezeigt oder näher beschrieben, außer dass es unter Umständen „fabric-covered buttons“ (S. 28) sein können – Zinn- und Messingknöpfe finden nicht einmal Erwähnung, genau wie die Knopflöcher oder die Konstruktion, wo die Knöpfe angebracht werden müssen).

Auf der Positivseite steht aber, dass es in Form dieses Buches eine Art gebündelte Übersicht, gewissermaßen eine Checkliste gibt, was zu einem kompletten (aber ziemlich generischen) Outfit gehört. Es wird kurz u.a. auf die Abhängigkeit der Art der Naht von Material und Beanspruchung eingegangen, es wird der Wechsel der Nahtform bei den Hosen erwähnt, es wird betont, dass Material und Schnitt immer vom Zweck und Vermögen des Trägers abhängig ist, etc., man bekommt eine relativ umfassende Hinweisansammlung, woraus ein („norddeutsches“) Outfit besteht und wie es aussehen kann.

Für Fortgeschrittene, die die Besonderheiten des Nordens kennenlernen wollen, ist das Buch definitiv nicht geeignet, und als „ein Buch verrät mir alles, was ich für den Anfang brauche“ leider auch nicht. Wer aber eine Zusammenstellung eines Kits haben möchte in der vieles direkt vor einem auf Papier liegt, ohne dass man sich über unzählige Internetquellen sich Informationen zusammenklamüsern muss, und bereit ist, weitere Recherchearbeit zu ergänzen, findet in diesem Buch einen relativ guten Begleiter, auf dem man weitere Arbeit aufbauen kann. Ich persönlich hätte mir ein solches Buch an meinem Anfang gewünscht, welches ich als Orientierungshilfe oder Checkliste nutzen hätte können. Aber mehr als das ist es dann leider auch nicht.

/Philipp

Review: Handbook for Women’s Clothing Late 15th Century… in Nordeuropa?

Anna Malmborg/Willhelm Schütz, A Handbook for Women’s Clothing of the Late 15th Century, Furulund 2018 (Historical Clothing from the Inside out, 1). [17,99 GBP über Amazon.co.uk – auch über den Verlag direkt zu erwerben]

Das späte 15. Jahrhundert genießt seit einigen Jahren eine herausragende Popularität in der Living History-Szene, und das durch ganz Europa. Ein Grund dafür mag der Quellenreichtum sein und die seit dem Ende des Mittelalters immer detaillierter und naturalistischer werdenden Bildbelege, die den Zugang zu diesen letzten Jahrzehnten des Mittelalters erleichtern. Was aber für Italien, Frankreich und den Süden des Heiligen Römischen Reiches gilt, trifft noch lange nicht auf alle Gegenden Europas zu: gerade die „Peripherie“, darunter Skandinavien und das heutige Norddeutschland, hängt sowohl mit Bildquellen als auch der modernen Erforschung noch weit hinterher. Ein Problem, das wir ‚Norddeutsche‘ sehr gut kennen. Das macht sich auch in der Living History-Szene bemerkbar.

Dem möchte das Buch ‚A Handbook for Women’s Clothing of the late 15th Century” Abhilfe schaffen. Auf 40 reich illustrierten Textseiten (und damit vielleicht doch eher ein Heft?) widmet es sich der gesamten weiblichen Garderobe in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, von der Unterwäsche bis zur Haube. Der Fokus liegt dabei, so die Einleitung, auf Skandinavien und dem nordeuropäischen, sprich: Hanse-Raum (S. 5). Das macht das Werk auch für uns aus dem Norden so interessant. Die beiden Autoren stammen selbst aus dem Bereich des Living History und berufen sich auf jahrelange Erfahrung. Anna Malmborg kann darüber hinaus einen Bachelorabschluss in Geschichte und Archäologie vorweisen, Willhelm Schütz ist gelernter Waffenschmied (S. 48). Das Heft ist hochwertig gestaltet mit ansprechendem Softcover-Einband, Hochglanzseiten und zahlreichen Illustrationen und zeitgenössischen Bildquellen.

Das Buch teilt sich neben dem kurzen Vorwort in drei Teile: The Period, A Wardrobe, Accessories. The Period ist ein kursorischer Überblick über das Tagesgeschehen des ausgehenden Mittelalters – politische Situation, soziale Umbrüche, Kriege, auch das mit Schwerpunkt Skandinavien –, gefolgt von jeweils zweiseitigen Einführungen in das spätmittelalterliche Schönheits- und Kleidungsideal, Kleidungsfarben und Färbemittel, Gewebe und Nähtechniken. Zwei Seiten erscheint wenig, zumal sich der Text den Platz auch noch mit den zahlreichen Abbildungen teilen muss, reicht aber hier vollkommen aus, um eine Grundlage für das erste eigene Nähprojekt zu schaffen. Das Kapitel zum historischen Kontext scheint neben diesen Basics der Kostüm- und Kleidungskunde ein bisschen aus dem Rahmen zu fallen, ist dafür aber das einzige, das wirklich zum Übertitel ‚The Period‘ passt. Dieser ‚Makel‘ in der Überschriftenwahl sei aber verziehen.

Der nächste Teil, A Wardrobe, widmet sich dann der Garderobe der spätmittelalterlichen Frau ‚from the Inside out‘. Beginnend mit dem Unterkleid, arbeiten wir uns zu Kopfbedeckung und Schuhen durch. Jeder Schicht wird eine ‚Standardversion’ des jeweiligen Kleidungsstücks zugeordnet; zahlreiche Hinweise auf Varianten sowie die Infos, die man im ersten Teil des Buches erhalten hat, helfen aber, das Kleidungsstück an den eigenen sozialen Stand und Zweck der Darstellung anzupassen. Auch hier sind zwei Seiten pro Kleidungsstück vorgesehen. Die Erklärungen sind einfach gehalten, sodass man leicht einen Eindruck vom Aussehen der Kleidungsstücke bekommt. Unterstützt wird das durch Bildquellen und eine gezeichnete ‚Anziehpuppe‘, die uns Modell steht und schrittweise von Seite zu Seite eine Kleidungsschicht hinzubekommt. Aufnahmen der eigenen Rekonstruktionen (‚am lebenden Objekt‘) und Schemazeichnungen von Kleidungsschnitten verdeutlichen die Infos aus dem Text und können auch für einen ersten Zugriff für Unerfahrene dienen, die sich erstmals selbst an Kleidungs(re)konstruktion versuchen wollen. Schnittmuster hingegen gibt es keine. Verwirrend und wenig hilfreich wird es, wenn der Grande-Assiette-Schnitt zwar im Text kurz angerissen wird, es aber an bildlicher Unterstützung fehlt, um sich diesen doch recht komplexen Ärmelschnitt vorstellen zu können. Die Anleitung zur Wicklung eines Kopftuchs mag gerade für Anfänger recht hilfreich sein. Was mir persönlich neu ist – aber da lasse ich mich gerne eines besseren belehren – ist, dass man regulär zwei Unterkleider getragen haben soll: ein ärmelloses und ein langärmeliges.

Der letzte Teil, Accessories, behandelt auf insgesamt sechs Seiten Gürtel, Beutel, Schmuck und Frisuren, ebenfalls wieder recht kursorisch. Hier finden sich mehr Bilder von Rekonstruktionen. Der gezeigte Schmuck und die Gürtel sind aber recht einfach gehalten; es überwiegt deutlich Zinn. Den Abschluss bilden ein kurzes Abbildungsverzeichnis und einige Literaturtipps für weitere Recherchen.

Dem Heft fehlen, abgesehen von den reichen Bildbelegen, jedwede Quellennachweise, obwohl hin und wieder auf entsprechenden ‚evidence‘ rekurriert wird. Die Bildbelege jedoch erfüllen leider absolut nicht den Anspruch, den das Heft eingangs an sich selbst geäußert hat. Hieß es in der Einleitung, man wolle sich auf Skandinavien konzentrieren und das mit Bildbelegen aus dem eng verwandten norddeutschen Raum unterstützen (S. 5), so fällt bald auf, dass fast ausschließlich alle Bildbelege süddeutschen Abbildungen entstammen. Das wird leider noch nicht einmal auf den ersten Blick sichtbar, da die Nachweise nicht bei den Abbildungen stehen, sondern im Anhang beigegeben wurden. Lediglich einmal wird explizit auf eine skandinavische Darstellung verwiesen, das Portrait Magdalenas von Schweden, ohne dass das Portrait aber selbst abgebildet würde (S. 33). Auf diesem Bild soll sie angeblich eine Schaube tragen; abgesehen davon, dass das Bild recht undeutlich ist, so handelt es sich (meinen Recherchen zufolge, vgl. auch den Blogpost zur Hoyke) zumindest für den norddeutschen Raum um ein doch eher ungewöhnliches Kleidungsstück. Auch Datierungen fehlen an den Bildbelegen leider. Zwar stammen alle Abbildungen aus dem späten 15. Jahrhundert, so ja auch der Buchtitel, doch ist die Mischung hier recht bunt, von spätgotischen bis Frührenaissance-Formen, die eigentlich nicht unkommentiert nebeneinander stehen sollten. Aus quellenkritischer Sicht schwierig sind die Abbildungen zu Frisuren am Schluss, zeigen sie doch Abbildungen Mariens und der weisen und törichten Jungfrauen, die keinesfalls repräsentativ für spätmittelalterliche Haartracht sein sollten.

Fazit: Das Buch gibt eine gute Einführung in die spätmittelalterliche Mode und kombiniert geschickt und platzsparend die nötigen Grundlagen der Kostümkunde mit einer Tour d’Horizon durch den weiblichen Kleiderschrank. Pluspunkte gibt es für den historischen Kontext am Beginn und für die ‚Anziehpuppe‘ mit den Schemazeichnungen der Schnitte. Für den Anfänger ist das Buch mit Sicherheit eine gute Einstiegshilfe – eine weiterführende Recherche ersetzt es aber keinesfalls!

Leider nicht geeignet ist das Buch, wenn man eine profunde Einführung in die nordeuropäischen Charakteristika der Kleidung sucht. Ich als Living Historian (und darüber hinaus auch Historikerin und Mediävistin) mit Schwerpunkt im norddeutschen und Hanse-Raum kenne das Quellenproblem sehr gut und ich weiß, dass wir oftmals nicht ohne den so viel besser illustrierten und erforschten Süden auskommen, wenn wir überhaupt was am Leib tragen wollen. Aber: Das heißt nicht, dass es keine Quellen gäbe; sie sind nur leider sehr viel weniger erschlossen und brauchen mehr Eigeninitiative in der Recherche. Wer also (so wie ich) darauf gehofft hat, dass das Buch einen Beitrag dazu leistet, die kleinen, aber durchaus feinen Unterschiede der nordeuopäischen Mode gegenüber dem Süden herauszuarbeiten, der wird hierin leider enttäuscht werden.

/Mai-Britt